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Full text of "Pennsylvanien im 17. jahrhundert und die ausgewanderten Pfälzer in England. : Von Emil Heuser ... mit drei faksimile-drucken"

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PennlyMen 

ln 17. Johrhunilert 

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Ue misgeiiiiinil(!rti!ii 
nUlzn in Enninnd. 

Von 

J L Heuler. 

V 



Naustadt a. d. Hardt 
Varlag von Ludwig Wittar 
1910 










^ ^ iilllli i ^ ayfiyrriirTidti-l^ii üifüi&i ^ 







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Pennfylvanien 

im 17. Jahrhundert 

und 

Die ausgewanderten Pfälzer 
in England. 



Von 



Emil Heuler, 

SekreUr dci HUtorilchen Vercini der PfeU, 
Ehrcnmiljlied dee Mannheimer AUertume -Vcreini, 
Korrefp. Mitglied der Archiologitchen GefellXchaft in BrflUaL 



Mit drei Faklimile-Drucken. 



Neultadt a. d. Hardt 
Verlag von Ludwig Witter 
1910 . 



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Alle Rechte Vorbehalten, 

insbefondere das Recht der Überfetzung in fremde Sprachen 



Copyright, 1910 

by Ludwig Witter's Vertag, Neuftadt (Palatinal). 







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INHALT. 



S«tte 



I. Pennlylvanien, gefchildert von Penn. 

Einleitung 1 

Das Münchner Penn-Manufkript 5 

11. Andere Landbefchreibungen von Penn fylvanien 
aus der Zeit William Penns. 

Einleitung 28 

Die Schilderung Pennfylvaniens durch Pattorius . . 29 

Paskells Bericht aus Pennfylvanien 1683 34 

Die Memminger Paftorius-Ausgabe 1792 35 

Die Kreielder Paftorius -Ausgabe 1884 55 

Gabriel Thomas’ Account als Continuatio der Schritt 

des Paftorius 55 

Falckners Curieuse Nachricht über Pennfylvanien . 57 

111. Die Pfälzer 1709 und 1710 in England 

Einleitung, Das verlangte nicht erlangte Kanaan 

von Höen 59 

Paltor Böhmes Antworten aut Höens 17 Fragen . . 64 
Böhmes Ermahnungs-Schreiben an die Pfälzer ... 69 
Bericht eines deutfchen Beamten über die Pfälzer 

in England 69 

Bericht eines ausgewanderten Deutfchen über die 

Pfälzer in England 73 

Büßpredigt für die Pfälzer in London 81 



ABBILDUNGEN. 

Ausfchnitt aus der Karte von Pennfylvanien und den 

anftoßenden Staaten zu Penns Zeit, Koptleifte . 1 

Fakfimile-Abdruck des Titels der Paltorius -Ausgabe 

von 1700 28-29 

Fakfimile-Abdruck des Titels der deutfchen Thomas- 

Ausgabe, gen. Continuatio etc, von 1702 .... 54—55 
Fakfimile-Abdruck des Titels des Höen’fchen Buches 
1711 über die deutfchen Auswanderer von 1709 
und 1710 58—59 



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Pennlylvanien, gelchildert von Penn. 



... niiam Penn, der Begründer des Staates Pennlylvanien 
W in Nordamerika, betrat dieles ihm vom König Karl II. 
==d von England verliehene Land am Delaware zuerlt am 
27. Oktober 1682. Nachdem Penn falt ein Jahr lang in leiner 
Provinz verweilt hatte, richtete er an den Ausichuß der 
Freien Handelsgelelllchaft (Committee of the Free Society of 
Traders) in London einen langen Brief, worin er Land und 
Leute in Pennlylvanien ausführlich Ichilderte. Oie deuttche 
Überfetzung dieles PennTchen Berichtes ilt als Handichrift 
im Geheimen Staatsarchiv zu München vorhanden, war aber 
bisher kaum beachtet. Merkwürdigerweife Icheint der eng- 
lilche Urtext des Briefes auch unbeachtet geblieben oder 
überhaupt verloren gegangen zu lein. Wenigltens muß man 
es annehmen, weil von dieler wichtigen und ausführlichen 
erften Schilderung, die Penn lelblt aus eigener Anichauung 
über lein Land verfaßt hat, in der vorhandenen Spezial- 
Literatur immer nur ein Auszug als der wirkliche Brief zu 



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2 



Einleitung. 



gelten Icheint. So ilt in dem erlt 1905 gedruckten Werk des 
amerikaniichen Gelehrten Julius Friedrich Sachte*) auf Seite 
16 angegeben, daß Penn im August 1683 einen wichtigen 
Brief an die Freie Handelsgefelllchaft zu London gerichtet 
habe, und hinzugefügt, der Brief fei in drei Ausgaben, 
nämlich holländifch, deutfeh und franzölilch verbreitet worden. 
Dies konnte natürlich nur dadurch geschehen, daß der Brief 
gedruckt wurde. Aber Ichon die erlte Verbreitung der penn- 
lylvanilchen Landbelchreibung gelchah in gekürzter Form. 
Was man da in den Überfetzungen als Brief von William 
Penn ausgab, war nur der für ein Flugblatt hergerichtete 
allgemeine Inhalt des Briefes, ein auf weniger als ein Drittel 
des urlprünglichen Textes zusammengedrängter Auszug, 
mit delfen Abfalfung Penn lelblt nichts zu Ichafien hatte. 

Sachte Itützt lieh bei feiner Aufzählung der frühelten 
Nachrichten Uber Pennfytvanien auf eine Zufammenftellung 
der Titel von Büchern und fonftigen Druckfehriften, wie lie 
von der Pennlylvanifch-Deutfchen Gefellfchaft als Faklimile- 
Druck veröffentlicht worden ift**), ferner auf eine von ihm 
felbft im Lübecker Archiv entdeckte Handfchrift, worin der 
1715 verftorbene Buchhändler Könneken alle ihm von Furly, 
dem Sekretär Penns, zugegangenen Nachrichten über Penn- 
fylvanien eingetragen hat. Aber der ausführliche Brief Penns 
vom Auguft 1683 ilt natürlich auch im Könneken-Manufkript 
nur in gekürzter Form enthalten. 

Als Brofehüre in deutfeher Sprache kam der angebliche 
Penn’fche Text, in Wirklichkeit der Abdruck des deutlchen 
Flugblattes, zuerft 1684 bei Heinrich Heufch in Hamburg 
heraus. Hier ift der Penn’lche Brief datiert: „Philadelphia 
8. Auguft 1683“, die Münchner Handfchrift trägt am Schluß 
den 16. Auguft als Datum***) und bei Sachfe ift Seite 16 unter 
Ziffer 4 nach Könneken aufgeführt: „Missive from Penn, 
Philadelphia, Aug. 26, 1683.* 



*) «Faickfiert Curictilc Nachricht von Pentylvania**, a Reprint of the Editioo 
of 1902 «... Together with an Introduction and English Tranalation of th« com- 
plcte work etc. By JuL Friedr. Sachse« Litt D. Philadelphia 1905. 

**) Proceedings of the Pennsylvania-German Society« Band VII» 

***) „Philadelphia den 16 Sechzehnten) deO 6 Monatbs genanndt Auguft 683**. 
Der 16. Tag ift aifo auch in Buchftaben angegeben. Auffallend ift es, daß der 
Auguft alt lechfter Monat bezeichnet wird. 



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Einleitung. 



3 



Soweit lieh alfo die Sache überblicken läßt, fcheint der 
große Brief Penns an die Londoner Händlergelelllchaft vom 
8., 16. oder 26. Augult 1683 nur auszugHweile im Druck er* 
Ichienen zu fein, oder aber es gibt vom vollltändigen Ab- 
druck keinen Beleg mehr. Nun hat die Titelfeite der Münchner 
Abfchrift entfehieden das Ausfehen, als ob fie von einem 
gedruckten Blatt abgefchrieben wäre; es fpricht nämlich da- 
für fowohl die Anordnung der Zeilen und die Hervorhebung 
einzelner Worte durch lauter Anfangsbuchftaben, als auch 
der Abfehluß des Titels mit: „London 1683“. Anfcheinend 
ift damit Druckort und Zeit angegeben. Daß die Münchner 
Handfchrift beftimmt war, als Vorlage zu einem Druckwerk 
zu dienen, ift ausgefchlolfen; denn dazu enthält fie zu viele 
Fehler, und zwar meiftens folche, die offenbar dadurch ent- 
ftanden find, daß manche Ausdrücke und ganze Sätze ver- 
ftändnislos von einer vielleicht etwas undeutlichen Handfchrift 
abgefchrieben wurden. Diefes leider nicht mehr vorhandene 
Urltück muß alfo bereits eine deutfehe Überfetzung gewefen 
fein. Die für eine Handfchrift ungewöhnliche Titelfeite des 
Münchner Aktes ift am einfachften zu erklären, wenn man 
das Vorhandenfein eines englifchen Druckes annimmt. Die 
Anordnung des gedruckten Titelblattes ift eben getreulich 
beibehalten worden, zuerft vom Überfetzer und nach ihm 
vom Abfchreiber der handfchriftlichen Überfetzung. 

Wegen diefes befonderen Merkmals der Münchner Hand- 
fchrift ift es nicht unwahrfcheinlich, daß es wirklich einen 
vollftändigen Abdruck des Urtextes in englifcher Sprache 
gegeben hat. Dann aber muß es noch rätfelhafter erfcheinen, 
wie lieh bisher der vollltändige Penn’fche Brief fogar den 
Spezialforfchern hat entziehen können. Es darf wohl kaum 
angenommen werden, daß die Münchner Abfchrift der Über- 
fetzung das einzige ift, was lieh — abgelehen von den Aus- 
zügen — vom Penn’fchen Berichte von 1683 bis heute 
erhalten hat. Man lollte vielmehr glauben, es müßte in 
London felblt noch ein Druck oder eine vollftändige Ab- 
fchrift in der Urfprache aufzufpüren fein. 

Der maßgebende englifche Text liegt nun einmal bis 
jetzt nicht vor; er wäre lonft ficher von Sachfe befprochen 
worden. Das allein beftätigt das Fehlen des Urtextes. 



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4 



Einleitung. 



E« gibt aber dafür einen weiteren Beleg: Der amerikanilche 
Profeflor und Forlcher M. D. Learned mißt offenbar der 
deutichen Übertragung urkundliche Bedeutung bei, fogar der 
immerhin mangelhaften Münchner Abichrift; denn er lieB, 
ais er im Sommer 1909 bei einer Umlchau im Geheimen 
Staatsarchiv in München von dem Manulkript erfuhr, lofort 
alle 56 Foliofeiten der Handichrift photographieren und nahm 
die Platten mit heim nach Amerika. 

Ich felblt belitze die Abichrift des Münchner Manulkriptes 
Ichon leit 1907. Major Fahrmbacher, Direktor des bayerifchen 
Armee-Muleums in München, hatte mich damals brieflich auf 
die ihm unter Akten des Staatsarchives zufällig vor Augen 
gekommene Handichrift aufmerklam gemacht. Nachdem das 
bayerilche Geheime Staatsarchiv nichts von leinen Akten 
verfchickt. Io ließ ich mir eine Abichrift anfertigen, kam aber 
erlt im Januar 1910 dazu, lie in München an Hand der Ur- 
Ichrift nachzuprüfen und richtig zu Itellen. 

Von dem amerikanilchen Forlcher darf wohl die Faklimiie- 
Wiedergabe der Handichrift erwartet werden. Indellen mag 
der Inhalt in lolcher Form für viele unbequem zu leien lein. 
Ich habe mich deshalb nicht abhalten lallen, hiermit die 
ohnehin längit beabiichtigte Veröffentlichung der Handichrift 
vorzunehmen. 

Bei Wiedergabe des Textes habe ich, loweit möglich, die 
in der Handichrift vorkommenden Schreibfehler verbellert 
und die Rechtichreibung lamt den Satzzeichen dem heutigen 
Gebrauche angepaßt. Zur belferen Überlicht wurden am 
Rande Inhaltsangaben ausgeletzt. 

Die Münchner Handichrift*) hat folgenden Wortlaut: 



*) Der Akt, der zur ArchirebteUung der Blauen Killen gehSrt, ilt bezeichnet: 
344/27. Die ilteren Aufichriften auf dem AktenItfick lauten: .LXXl, No. 19 

Befchreibung Ober PennfylTania et PhTladelphia. — Ad rubrum hietorica et geogra- 
phica, Faac. 1 — 17. — u Archive Soliebaccenii, hier 1790. Roth." Ein Archivar 
Gottfried Roth war zu Jener Zeit in Ncuburg an der Donau titig. Auf eine Anfrage 
beim KreUarchiv in .^berg erfuhr ich, daB Rotha Unterlcnrift auch anf einer 
Menge in Amberg lagernden Akten dca früheren Pfalz-Sulzbacher Archive zu finden 
ift (Soliabachum=Suubacb). Der Mflnchner pcimfylvanifcbc Akt feheint allo von 
dort oder von Neuburg, dem früheren Hauptort von Pfalz-Neuburg, ina Staataarchiv 
nach München gelangt zu fein. Leider blieben meine Nachforfebungen nach dem 
Stadtplan von Ailaoelphia, auf den im Text der Handichrift Bezug genommen Ift, 
überu ohne Ergebnia. 



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Ein Brief von William PeiHl, 

Eigentumsherrn und Befehlshaber in 

Pennfylvania 

in Amerika, 

zu denen 

Verordneten 

der Freien Gefelirchaft in der Handlung derfelben 
Landfchaft wohnende in London, 

Io da in (ich hllt: 

Eine allgemeine Befchreibung derlelben Landfchaft, ihres Grundes, 
der Luft, des Waffers, der Jahreszeiten und was fie hervorbringt 
fowohl von Natur, als durch Kunft, 
wie auch von ihren eingeborenen oder urfprünglichen Einwohnern, 
derfelben Sprachen, Gebräuche und Weifen, Koft, fläufern oder 
Wigwams, Freigebigkeit, leichten Art zu leben, Arznei, 
Begräbniffen, Opferung und Oefängen, Feier- und Fefttagen, 
Regierung und ihrer Ordnung im Rathalten bei Verhandlung 
Landes etc., ihrem Gericht gegen Miffetäter, ingleichen von 
denen erften Anbauern, den Niederdeutfchen etc. und von dem 
gegenwärtigen Zuftand und Aufrichtung, auch herrlichem Zu- 
und Aufnehmen der betagten Provinz und dem Oerichtsrat 

welchem beigetUgt itt 

eine Nachricht von der Stadt 

PHILADELPHIA, 

so jüngftens angelegt worden, 

deren Anlage zwifchen zwei fchiffbaren Strömen, 

Delaware und Schuylkill, 

nebll einem 

Ab- und Grundriß derfelben, 
worinnen der Verkäufer ihre Lofe durch eingefetzte gewiffe 
Zahlen unterfchieden find, 

wie auch die glückliche und vorteilhafte Anftalt der erwähnten 
Oefellfchaft in derfelben Stadt und Landfchaft. 

London 1683. 



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Das Münchner Penn-Manulkript. 



Fallcbe 
Gerüchte 
über Penn. 



Ein Brief von William Penn, Eigentumsherrn und Befehls- 
haber in 

Pennlylvania. 



Meine werten Freunde! 

Eure Zuneigung, kraft deren ich durch die Schiffe Thomas 
und Anna Eure Angelegenheit wegen meiner Gelundheit 
und guten Namens, auch des glücklichen Anfangs diefer 
Landichaft vernommen, verbindet mich fehr, als worinnen 
Ihr Euch fo geneigt erwielen, daß Ihr dafür haltet, daß viel 
daran gelegen. In Antwort dellen habe ich Euch einen langen 
Brief gelendet. Nichtsdeltoweniger fo hält derlelbe doch Io 
wenig Nachricht wegen meiner felblten und des Zuftandes 
dieter Landichaft in lieh, als mir möglich zu tun gewefen. 

Zum erften nehme ich das Neue, fo Ihr mir [endet, in 
Obacht, wobei ich finde, daß einige Menichen fo wenig Ver- 
nunft und loviel Boshaftigkeit gehabt, daß lie mich tot zu 
lein ausgeftreut, und um die Sache noch böler zu machen, 
nicht nur tot, londern noch dazu als ein Jefuit. Man hatte 
wohl verltändiglich hoffen mögen, es lollte diele Entfernung, 
die dem Tod wohl zu gleichen, eine Belchirmung wider die 
Mißgunlt und den Neid gewefen lein. Und licherlich, weil 
die Abwelenheit eine Art des Todes ilt, fo follte der gute 
Name eines Abwefenden fowohl, als eines Toten Verficherung 
haben, dieweil fie beiderfeits gleichmäßig unbequem find, 
lieh felbft zu verteidigen. Die aber, die böfes anzuftellen 
gefonnen, pflegen zur Auswirkung desfelben fich keiner 
guten Regeln zu gebrauchen. Nichtsdeltoweniger bin ich 
zu großer Schand und Scham folcher Erfinder noch am Leben 
und kein Jefuit, und Gott fei Dank auch annoch recht wohl- 
auf. Und ohne die Erdichter deffen zu beleidigen, mag ich 



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Das Münchner Penn-Manulkript. 7 

mich wohl erkühnen, zu gedenken, daß diele, fo etwas iältch- 
lich ausgeitreuet, gerne hätten gewollt, daß es io hätte fein 
mögen. Aber ich vernehme, daß ieither meinem Abreileii 
aus England viel nichtige Hiltorien erdichtet worden find, 
welche vielleicht anjetzo weniger am Leben find als ich 
tot bin. 

Ob nun Ichon etliche, die ich zurückgelallen, unfreundlich 
mit mir gehandelt haben, lo habe ich hingegen bei denen, 
zu welchen ich komme, Liebe und Gutachtung genug ge- 
funden. Insgemein war es nur eine Art eines Willkommens, 
bei jedwedem auf leine Weite; denn allhier werden fowohl 
unterfchiedliche Art Leute, als Religionen und Urteile ge- 
funden. Es ermangelten auch die Eingeborenen felblten 
nicht hierinnen, denn ihre Könige, Königinnen und vor- 
nehmlten Leute betuchten mich nicht allein, londern brachten 
mir auch Gelchenke, welchen ich auch behaglich wiederum 
begegne. 

Wegen der Landfchaft und deren allgemeinem Zuftand ilt 
folgendes zu betrachten: 

1. Das Land felblten in dellen Grund, nach der Luft, dem 
Waller, denen Jahreszeiten und Nutzbarkeit, fowohl natür- 
licher, als nach Kunft, ilt nicht zu verachten. Das Land hat 
unterfchiedliche Arten der Erden in lieh, als gelb, und 
fchwarzen Sand, fchlecht und reich, ingleichen fteinigt, fowohl 
mit Lehmen, als Staub, und an etlichen Orten ift es eine 
fefte fette Erde, gleichbar es in unteren beiten Tälern in 
England ift, infonderheit näher denen inländifchen Moraften 
und Strömen. Gott hat es nach feiner Weisheit alfo geordnet, 
daß die Vorteilhaftigkeit des Landes zerteilet ift. Die Län- 
dereien, fo innerhalb landwärts liegen, find dreimal beffer 
als die an denen fehiffbaren Strömen. Wir haben aber auch 
fehr viel von einer andern Art Grundes, fo fchwarz milbicht 
ift und einen Reinigen oder felfigen Boden unter lieh hat. 

2. Die Luft ift lieblich und klar, der Himmel hell gleich- 
wie in Frankreich an denen Örtern gegen Mittag, und wird 
feiten trüb überzogen. Und wenn bei Zunehmung des Volkes 
die Wälder werden mehr abgehauen fein, dann wird es lieh 
von felblten auch mehrers heitern. 



Pennt Empfang 
hl feinem 
Lande. 



Boden* 

befchaffenbeit. 



Luft. 



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Das Münchner Penn-Manulkript. 



G*wiUcr. 



Witterung 
imd Kliina. 



3. Die Wader find insgemein gut, denn die Ströme und 
Bruche haben mehrenteils einen landigten und fteinigten 
Grund; deren an Zahl ift faft unglaublich. Wir haben auch 
mineralifche Waller oder Sauerbrunnen nicht über zwei 
Meilen von Philadelphia, welche dergleichen Wirkung tun 
als Barnet und North-hal. NBl Sie haben eine reinigende 
Kraft und find gut gegen Gravel (Blalengries) und Stein. 

4. Was die Jahreszeiten anbelanget, nachdem ich durch 
Gottes Gnad der kältelten und heißelten als der Ältelte, der 
in dieler Landfchaft ilt, gedenken kann, überltanden. Io kann 
ich denen Engländern zur Nachricht wohl etwas erwähnen. 
In dem Herbit — denn zu folcher Zeit kam ich her — wurde 
es von dem 24. Oktobris bis zu dem Anfang des Dezembris 
als wie wir es gemeiniglich in England haben im September, 
oder vielmehr als ein gelinder Frühling in England. Von 
Dezember bis auf den Monat März, wie er genannt wird, 
hatten wir Icharfes, froltiges Wetter, nicht duk und trüb, 
noch kotig, wie der nordöltliche Wind in England pfleget 
mit lieh zu bringen, londern die Luft ilt Io klar als im 
Sommer und dabei trocken, kalt und fchneidend und macht 
hungerig. Nichtsdeltoweniger weiß ich mich nicht zu er- 
innern, daß ich mehrers als in England gekleidet gewelen. 
Die Urfach dieler Kälte, meint man, leien die großen Meere, 
Lacken oder Seen, welche aus denen unterlchiedlichen 
Brunnen in Kanada entliehen. Der nächltverwichene Winter 
ift Io gelind gewelen, daß man faft wenig Eis verfpürt hat, 
da dermalen bei wenig Tagen unter großer Strom Delaware 
gefroren war. Von dielem Monat bis zu dem Monat, genannt 
Junius, genolfen wir einen lieblichen Frühling, keinen Guß, 
londern gar gemächliche Regen und klares Wetter. Über- 
diefes habe ich in acht genommen, daß die Winde lowohl 
hier, als dort in dem Frühling und dem Herbft, wenn lieh 
die Natur dergeftalt ändert, mehrers veränderlich lind als 
im Sommer oder Winter. Von da bis zum gegenwärtigen 
Monat Augult, welcher der gemeinen Rede nach den Sommer 
endiget, haben wir eine fonderbare große Hitze gehabt, Io 
jedoch je bisweilen durch kühle Lüftlein gemildert werden. 
Der Wind, Io in Sommerzeit verfpürt wurd, ilt der Südwelt, 
aber in dem Frühling, dem Herbft und Winter gelchieht es 



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Das Münchner Penn-Manufkript. 9 

lehr leiten, daß man des gefunden Nordweltwindea fünf Tage 
nacheinander ermangeln lollte. Und was etwa für Nebel, 
trübe Wolken oder Dünite die Luft bei einem öftlichen oder 
lüdlichen Wind verunreinigen, die werden innerhalb zwei 
Stunden wieder weggetrieben. Dem einen folget allezeit der 
andere, welches ein heilsames Mittel für die Inwohner durch 
londerbare Vorlehung zu fein fcheinet. Die Menge der 
Bäume, fo noch Itehen, halten die Nebel und Dämpfe auf, 
jedoch nicht des vierten Teils fo dick als ich vermeinte. 

5. Was dieles Land von Natur hervorbringt, ilt, was die 
Erdgewächfe belangt: Bäume, Früchte, Pflanzen, Blumen. 
Die vornehmften Bäume find: Schwarze Walnülle, Zedern, 
Zypreffen, Kaftanienbäume, Pappelbäume, Gummibäume, 
wilde Walnußbäame, Saflafras, Eichen, Buchen, Eichen von 
unterfchiedlicher Art, als rot, weiß und Ichwarz, fpanilche 
Kaftanienbäume und Swampo, welcher unter allen der dauer- 
haitelte ilt. Diele alle find zum Gebrauch der Menichen in 
großer Menge vorhanden. Die Früchte, fo ich in den Wäldern 
gefunden, find die weißen und Ichwarzen Maulbeeren, 
Kaftanien, Walnülle, Pflaumen, Erdbeeren, Cranberrys (Moos- 
beeren), Heidelbeeren und Weintrauben von unterfchiedlichen 
Arten. Die großen roten Trauben, weiche aus Unwillenheit 
Hextrauben genannt werden (wegen des Gelchmacks, fo fie 
bei den Unerfahrenen haben) und nun reif lind, find an fich 
lelblt lehr treffliche Trauben und mögen zweifellos durch die 
Bearbeitung höher gebracht und daraus ein herrlicher Wein 
gewonnen werden, ob nicht ebenlofehr füß, jedoch nicht 
geringer als in Frontignac, maßen er lolchem im Gefchmack 
nicht allerdings ungleich, wenn man die Rötigkeit auf die 
Seite fetzt, dergleichen in dielen Dingen lowohl, als unter 
den Menfchen einen großen Unterlchied macht. Da ilt auch 
eine weiße Art von einem Muskateller und eine kleine 
Ichwarze Traube gleich der Kloftertraube in England, welche 
auch noch nicht Io reif ilt als wie jene. Aber mir wird ge- 
tagt, daß wenn fie reift, fie viel lüßer wäre und daß nur 
erfahrene Weingärtner ermangelten, um dielelben recht zu 
Nutz anzuwenden. Ich gedenke es zu diefer Zeit mit meinem 
Franzmann zu wagen, welcher einige Willenfchaft darinnen 
zu haben vorgiebt Hier find auch Pfirfich, und zwar lehr 



Baum* und 
PflanzanwucK*. 



Obft und 
Frfichta. 



Wclntraubaa. 



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10 



Das Münchner Penn-Manulkript. 



PfirCiche. 



Anbau der 
Rebe. 



Feld- und 
Gartenfrfichte. 



Tierwelt. 



gut und in großer Menge. Ohne diele iit keine indianitche 
Anbauung. Ob lie aber erltlich von Natur hier gewelen, 
weiß ich nicht. Nichtsdeltoweniger kann man lolche fcheffel- 
weis für ein geringes haben. Sie machen einen angenehmen 
Trunk daraus, und laben tun iie nicht fchlechter als einige 
Pfirliche, die Ihr mögt in England haben, ausgenommen die 
rechte Neurington. Ich bin noch zweifelhaft, ob es betler 
fei, daß man die hieligen Früchte, inlonderheit das Wein- 
gewächs verpflanze und anbaue, oder ausländilche Stämme 
und Reben, von denen man weiß, daß Iie gut find. Es 
Icheint, daß es für vernünftiger gehalten wird, daß ein Ge- 
wächs an dem Orte, wo es von lelbft natürlich hervorkommt, 
nicht nur am beiten wachle, londern es kann auch Ichwerlich 
mit einem andern von derfelben Art, welche allerdings nicht 
natürlich hervorkommt, verglichen werden. Um nur aus 
dielem Zweifel zu geraten, habe ich mir vorgenommen, 
wenn mir Gott das Leben gönnt, beides zu erfahren, und 
ich hoffe, es toll Io guten Wein geben als es einiger Art in 
Europa bereits geben kann. 

6. Was durch Arbeit oder Kunlt in dem Lande hervor- 
gebracht wird, ilt: Weizen, Gertte, Hafer, Roggen, Bohnen, 
Wallermelonen, Mußmelonen und alle Kräuter und Wurzeln, 
lo unlere Gärten in England hervorbringen (NB! Thomas 
Wyan lein Eidam Jones, lo noch am Schuylkill wohnt, hat 
auf gewifle Bauart von einem einzigen Gerltenkorn liebzig 
Halmen und loviel Ähren bekommen, und in dielem Lande 
ilt es lehr gemein, daß lie von einem Bülchel, das iie läen, 
40 oder 50, auch wohl bisweilen 60 wieder einernten, und mit 
drei Pecks'*) Weizen können Iie einen ganzen Acker beläen). 

7. An lebendigen Gefchöpfen, als: Filche, Vögel und 
Tiere in den Wäldern lind auch unterlchiediiche Arten, et- 
liche zur Nahrung und Nutzbarkeit, etliche aber allein zu 
Nutzen. Die lowohl zur Nahrung, als Nutzen ilt das Elen, Io 
groß als ein ziemlicher Ochs. Das Wild etwas höher als das 
unlerige: Biber, Racoon**), Kaninchen, Eichhörner. Etliche 
eilen von jungen Bären und rühmens lehr. Die Vögel au 

*) 1 Pcck = '/• Scheffel. 

*♦) Waechbäi'. 



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Das Münchner Penn-Manulkript. 



11 



dem Lande lind wilde Kalekutten bei 40 und 50 Pfund Ichwer 
und find fehr groß. Fafanen, Heathbird,*) wilde Tauben 
und Rebhühner in Menge. Auf dem Waller: Schwanen, wilde 
Gänfe, weiß und grau, Kraniche, wilde Enten, Schmielentchen, 
Schnepfen und Mebber, und folcher in großer Zahl. Aber die 
Enten und Schmielentchen find fehr troßlich, und ich habe 
dergleichen von anderen Enten nie fo gute gegeffen. An 
Fliehen find da: Stör, Hering, Rochen, Shad, Calfhead, 
Scheepahead, Aale, Smelt, Perfing, Kocks, und in den in- 
ländlfchen Bächen und Strömen Forellen; etliche lagen, über 
dem Fall wären auch Lachte. Ingleichen Auftern, Krabben, 
Waflerlchnecken, Canocks**) und Mufcheln. Etliche Auftern 
lind 6 Zoll lang und etliche Arten von den Walferfchnecken 
fo groß als Auftern und geben eine gute Suppe. Die Ge- 
Ichöpfe, fo allein wegen ihrer Häute und Felle zu Nutz 
dienen und find von Natur an dielen Örtern, lind: die Wild- 
katze, Panther, Fifchotter, Wolf, Fuchs, Filcher, Minx, und im 
Waller der Walfifch zu Öl, derer ziemlich viel find. Zwei 
Kompagnien Walfifchfänger, und fobald ihre Schütten fertig, 
werden fie ihr Heil verfuchen, und wie es fcheint, zu merk- 
lichem. Es ift nicht zu lagen von unferer mutmaßlichen guten 
Hoffnung von Laberdan oder Kabeljau in der Bai zu fangen. 

8. An Pferden haben wir keinen Mangel, und etliche find 
lehr gut und wohlgeftellt. Seit meiner Ankunft find zwei 
befrachtete Schiffe mit Pferden und Faßholz (pipe ftaves) 
nach Barbados abgegangen. Hier ift ingleichen eine große 
Menge von Kühen und einige Schafe. Die Leute pflügen 
mehrenteils mit Ochlen. 

9. Hier find unterfchiedliche Kräuter, von welchen uns 
nicht allein die Indianer gefagt, fondern wir auch verfuchet 
haben, daß fie für Gelchwulft, Brandwunden ufw. von großen 
Kräften find, und machen einen Kranken bald gefund. Von 
Geruch habe ich unterfchiedliche bemerket, fonderlich die 
Wildmittel. Die andern weiß ich nicht zu nennen, die meiften 
aber haben einen ftarken Geruch. 

10. Die Wälder find mit herrlichen Blumen, an Farben, 
größeren Geftalten und Mannigfaltigkeit ausgezieret. Ich 

Hcidchahn, Birkheim. 

**) KWia« Mufchtl. 



ArbeitstUrt. 



ArzaeipflanzM. 



BtumeiL 



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12 



Das Münchner Penn-Manufkript. 



habe zu London Gärten gelehen, Io mit dieler Schönheit 
Art trefflich ausgearbeitet waren, aber ich halte dafür, fie 
mögen mit unteren Wäldern wohl gleich kommen. Ich habe 
etliche wenige zu einem vornehmen Mann dieles Jahr zu 
einer Probe gelendet. Soviel von dem Lande, hiernächft 
von den Eingebornen und urtprünglichen Einwohnern: 

Di* Indianer. n. Ich will die Eingebomen betrachten in Aufichwung 
ihrer Perionen, Sprache, Gebräuche, Religion und Regierung 
neben meiner Meinung wegen ihres Urlprungs. Wegen ihrer 
Perionen, Io lind lie insgemein lang, gerade, wohlgeletzt und 
von einer guten Proportion. Ihre Tritte lind hart und feit. 
Sie gehen meiltenteils mit einem erhobenen Kinn. Nach 
ihrer Naturart lind lie Ichwarz, doch mit Vorlatz gleich wie 
die Zigeuner in England. Sie Ichmieren lieh lelblt mit klar- 
gemachtem Bärenfett und gebrauchen keine Hüte gegen die 
Sonne und das Wetter, allo daß ihre Haut notwendig Ichwarz 
werden muß. Ihre Augen lind bleich und Ichwarz, nicht un- 
gleich einem Itör anstehenden Juden. Dicke Lippen und 
platte Nalen, Io bei den oltinditchen und Mohren gemein 
lein, lind leiten bei dielen, denn ich habe annehmliche Ge- 
lichter bei beiderlei Gelchlecht unter ihnen gelehen, als wohl 
bei den Europäern lein mögen jenleits der See, und licher- 
lich, eine italienilche Komplexion hat nicht viel mehr weißes, 
und Unterlchiedlicher ihre Nalen waren denen römilchen 
nicht ungleich. 

S^tie der 12. Ihre Sprache ilt geichwind, doch kurz, falt gleich der 
Hebräilchen, in der Bedeutung lehr voll. Im Schreiben haben 
lie eine kurze Hand, das ilt mit einem Zeichen viel zu be- 
deuten, ein Wort ilt anitatt dreier, und das übrige muß durch 
den Verltand des Anhörers erletzt werden. In denen Set- 
zungen oder Temporibus lind lie unvollkommen, haben auch 
nicht Arten oder Modus, Partizipia, Adverbia, Konjunktionen, 
Interjektionen. Ich habe mich bemüht es verltehen zu ler- 
nen, damit ich nicht eben bei vorkommender Gelegenheit 
eines Dolmetichers möchte von nöten haben, und ich muß 
bekennen, daß ich keine Sprache, die in Europa geredet 
wird, weiß, da die Worte annehmlicher und größer in dem 
Nachdruck und der Ausiprache lind, denn die ihrigen. Zum 
Exempel: Gctotocon, Quancocas, Orieton, Schakamavon, 



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Das Münchner Penn-Manulkript. 



13 



Poyneßin, welches alles Namen gewiller Örter lind, und haben 
eine londere Vortrefflichkeit in ihren Worten, fo annehmlich 
lind. Anna ilt Mutter, Iflimus ein Bruder, Netap ein Freund, 
usque oret lehr wohl, Pane Brot, Merle Speife, matta nein, 
hatta zu haben, payo zu kommen, SepuIIen, Pallion Namen 
der Orte. Tamane, Setane, Menance, Secatereua find Namen 
der Leute. Wenn man nach einer Sache fraget, die fie nicht 
haben, lo werden lie antworten ; Matta ne hatta, welches den 
Worten nach ilt «nicht ich habe“, anitatt: «ich habe nicht*. 

13. Von ihrer Art und Gebräuchen wäre viel zu lagen. Indiaaerkinder. 
Ich will anfangen mit den Kindern. Sobald als lie geboren 

lind, fo walchen fie lie in Waller und wenn lie noch recht 

jung und dazu kalt Wetter, Io tunken lie lie in die Ströme, 

dadurch fie delto härter und Itärker zu machen. Und wenn 

lie lie in ein Tuch eingewickeit, fo legen fie lie die längit 

auf ein dünnes Brett, das ein wenig länger und breiter ilt 

als das Kind, und binden es feit auf das Brett, damit es ge- 

rad werde. Derohalben haben alle die Indianer glatte Häupter 

und auf diele Art tragen fie fie auf dem Rücken, die Kinder 

fangen zeitlich an zu gehen, insgemein im neunten Monat; 

fie tragen allein ein kleines Tuch um ihren Leib bis fie größer 

werden. Wann es Knaben find. Io gehen fie fo lang zu Füßen, 

bis fie zu den Wäldern bequem werden, welches ungefähr in 

dem 15. Jahr ift. Dann fangen fie an zu jagen, und wann 

fie einige Taten ihrer Männlichkeit bewiefen, daß fie einen 

guten Vorrat an Händen zulammen gebracht, dann mag er Heiraten der 

heiraten. Anders ilt es eine Schand, wenn er an ein Weib ° 

gedenken follte. Die Mägdlein bleiben bei den Müttern, 

hacken den Grund, pflanzen Korn und tragen Bürden, und 

lie tun wohl, das fie fie jung zu dem gewöhnen, was lie tun 

müllen, wenn lie älter werden. Denn die Weiber find ihrer 

Männer treue Dienerinnen, dagegen lind ihnen die Männer 

auch lehr wohl geneigt. 

14. Wenn die jungen Weibsleute zum heiraten bequem ek« Frauen 
werden, Io tragen fie auf dem Haupte etwas zur Einwick- 

lung, doch allo, daß ihre Gelichter nicht wohl zu fehen, außer 
wenn es ihnen beliebig. Das Alter, wann fie pflegen zu heiraten, 
ift bei denen Weibsleuten in dem 13ten und 14ten Jahre, bei 
Mannsleuten im 17ten oder ISten; fie werden feiten älter. 



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14 



Das Münchner Penn-Manulkript. 



Wohn weite 
der Indianer. 



Nahrung 
der Indianer. 



Indianitchc 

Ga(t- 

freundtchaft« 



VertchloKenheit 
der Indianer. 



Sclbttfflord 

einer 

Hftuptlinga« 

tochter. 



15. Ihre Häuter lind von Matten oder Rinden von Bäumen, 
Io auf Pfählen feftgemacht lind, feit wie die englilchen 
Scheuern, um die Stärke des Windes aufzuhalten; denn lie 
lind Io hoch als ein Mann. Sie liegen auf Rohr oder Gras. 
In den Reifen Io liegen lie in den Wäldern bei einem großen 
Feuer und lind in dem Mantel oder Zeug, ZUßel genannt, 
Io lie des Tags Uber tragen, eingewickelt und ein wenig Älte 
oder Stöcke ftecken um ihn herum. 

16. Ihre Speile ilt Mais oder indianifch, lonit tUrkifch Korn 
Io auf unterlchiedliche Art zugerichtet ilt, bisweilen in der 
Alche gebraten, je bisweilen geltoßen oder mit Waller ge- 
kocht, Io lie Homine nennen. Sie machen auch Kuchen, 
welche nicht unangenehm zu eilen lind, ingleichen haben lie 
unterlchiedliche Art Bohnen und Erbten, welche gute Nahrung 
geben und die Wälder und Ströme find ihre Fleifchkammern 

17. Wann ein Europäer zu ihnen kommt lie zu fehen oder 
begehrt in ihren Häulern oder Wigwam zu beherbergen, fo 
geben lie ihm den beiten Platz und den erlten Schnitt. Wann 
lie kommen uns zu betuchen, fo grüßen lie uns mit einem 
Itah, welches loviel zu lagen hat, als gutes fei zu euch, und 
letzen lieh nieder, mehrenteils auf den Boden, genau zu den 
Füßen und die Schenkel aufrecht. Es kann lein, daß lie nicht 
ein Wort mehr fprechen, londern nehmen alles wohl in acht. 
Wenn man ihnen etwas zu eilen oder zu trinken gibt, fo ift 
es wohl; anders fo werden lie nichts fordern. Es lei nun 
gleich, wenig oder viel, wann es nur mit Freundlichkeit ge- 
Ichieht, Io behaget es ihnen lehr, anders gehen lie weg, lauer 
lebend, lagen jedoch nichts. 

18. Sie halten ihre eigenes Vornehmen und ihre Gedanken 
lehr verborgen, und wie ich dafür halte, find lie durch die 
Ruhe, Io unter ihnen, in Zwang gangen. Kein Italiener kommt 
ihnen in einigem unter dielen beiden gleich. Seitdem daß 
ich in dieles Land kommen bin, hat lieh ein trauriger Zufall 
begeben: Einer Königstochter, die da gedachte, daß lie von 
ihrem Manne Ichlecht geachtet würde, indem lie zugelaflen, 
daß ein ander Weibsbild zwilchen ihnen beiden liegen möge, 
Itand auf, ging hinaus und nahm eine Wurzel aus der Erde, 
aß dielelbige, worauf lie dann allobalden ftarb. Derenthalben 
Io übergab er vergangene Woche ihren Freunden oder An- 



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Das Münchner Penn-Manulkript. 15 

verwandten eine Gabe, um Verlöhnung und die Freiheit zu 
haben, wieder zu heiraten, welches auch zween andere taten 
zu ihrer Weiber Anverwandten, weiche doch eines natürlichen 
Todes geltorben waren; denn bis dahin, daß die Witwer loi- 
ches getan haben, dürfen fie nicht wiederum heiraten. Es 
wird gelagt, daß etliche junge Weibsleute, ehe He noch hei- 
raten, für Lohn unbehörliche Freiheit gebrauchen, wenn He 
aber verheiratet, dann halten fie fich keulch. Wenn eine 
fchwanger, io fchläft fie nicht mehr bei ihrem Mann, bis fie 
entbunden, und wenn ihre Natur, dann rühren fie keine Speife 
an. Sie elfen aber mit einem Stöcklein, damit He He nicht 
verunreinigen möchten. So haben auch ihre Männer nichts 
mit ihnen zu tun, bis die Zeit vorüber. 

19. Über die Freigebigkeit find He vortrefflich. Es ift 
ihnen nichts zu Heb für ihre Freunde. Gibt man ihnen ein 
Feuerrohr, einen Rock oder was es ift, es gehet wohl durch 
zwanzig Hände, ehe es fest bleibet. Gefchwind zu Gunft 
und Harke Zuneigung, aber es vergehet bald. Sie find die 
luftigften Leute, die leben können. Galtereien und Tanzen 
gefchieht ftets von ihnen. Sie haben nie viel und haben 
auch keinen Mangel an Vielem. Ihr Reichtum beweget fich 
als wie Blut, alle genießen denfelben, und ob fchon keiner 
einen Mangel hat an dem, was der andere hat, nichtsdefto- 
weniger nehmen fie doch ihr Eigentum in acht. Etliche 
Könige haben mir einige Stück Waldes verkauft und andere 
haben mich damit verehrt. Was ich ihnen bezahlet oder 
wiederum verehrt, verblieb nicht bei denen vorigen Eigentums- 
herrn, londern da die benachbarten Könige und deren Clans 
gegenwärtig, als die Güter ausgebracht worden, fo ratfchlagten 
die Parteien, denen folches zukam, fo balden, was und zu 
wem fie es geben follten. Alsdann fo wirds zu einem jed- 
weden König durch einen gewiffen Herrn zu Abgeordneten 
ein gewiffes Anteil gelendet und diefes mit fo einer Gravität, 
daß es zu verwundern. Nachmals teilte folches derfelbe 
König auf eine gleiche Art wiederum unter die ihm Ange- 
hörigen und behielt kaum foviel für fich als fie einem ihrer 
Untertanen geben, es fei nun gleich bei fo einer Gelegen- 
heit oder bei ihren Galtereien oder auch gemeinen Mahl- 
zeiten. Die Könige teilten aus, und für fich felbft am fetzten. 



IndUnilch« 

Hciralt- 

vorlchriftcn. 



IndiaaiCchc 
Sitten and 
Gebrluchc. 



Waldverkiuft. 



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16 



Das Münchner Penn-Manulkript. 



GUichgülUgkeit 
der Indianer. 



Ellen und 
Trinken bei 
den Indianern. 



Verhalten der 
Indianer bei 
Erkrankungen. 



Totenebniog. 



Indianifche 

Religion. 



Sie tragen wenig Sorge, denn lie haben wenig Mangel, und 
in dietem Fall lind fie glücklicher als wir. Daß, ob ihnen 
fchon untere Lultbarkeiten nichts lind, fo find fie hingegen 
auch frei von unterer Bekümmernis. Sie werden mit Fracht- 
und Wechfelbriefen nicht verunruhigt, noch mit Landsleih- 
Prozetfen und Kammerrechnungen irre gemacht. Wir fchwitzen 
und arbeiten um zu leben, und ihre Luftbarkeit ernährt fie, 
ich meine ihre Jagden, Fifch- und Vogelfängen, und diefer 
Tifch tteht allenthalben gedecket. Sie elfen zweimal des 
Tags, des Morgens und des Abends. Ihr Seffel und Tifch ift 
die Erde. Seitdem, daß die Europäer in diele Örter kommen 
find, fo haben fie angefangen ftarkes Getränk zu lieben, in- 
fonderheit Rum, und für fofches geben fie ihr beftes an 
Häuten und Pelzwerk. Wenn fie von fo einem Trank er- 
heitert werden, fo find fie unruhig, bis fie loviel bekommen, 
daß fie fchlafen. Dann rufen fie: Noch etwas mehr und ich 
will fchlafen gehen; aber wenn fie trunken find, ift es das 
närrifchlte Schaufpiel, das zu leben ift in der Welt. 

20. Wenn fie krank lind, fo find fie höchft verlangend um 
geholfen zu fein, infonderheit bei ihren Kindern, welchen fie 
fonderlich äußerft geneigt find. Ihr Trank ift in tolcher Zeit 
ein Feran oder Gefottenes aus etlichen Wurzeln in frifchem 
Brunnenwaffer und woferne fie etwas Fleifch genießen, fo 
muß es von einem Weiblein fein, es fei gleich, von was fUr 
einer Art es fei. Wenn jemand ftirbt, fo begraben fie ihn 
mit feiner Bekleidung, es fei gleich Mann oder Weib, und 
die rechten Anverwandten werfen etwas Koftbares zu ihm 
hinein zu einem Liebeszeichen. 

Ihr Trauerkleid ift ihr Ichwarz gemachtes Angelicht, wel- 
ches ein ganzes Jahr dauert. Sie find wegen des Grabes 
ihrer Toten lehr forgfältig, damit fie nicht etwa mit der Zeit 
möchten verloren werden und zu einem gemeinen Brauch 
geraten. Deshalben rupfen fie das Gras aus, fo darauf wäch- 
fet und häufen die herabgefallene Erde gar genau und forg- 
fältig wiederum darauf. 

21. Diefes arme Volk ift unter einer finftern Nacht in 
denen Dingen, was die Religion angeht. Um was ihr Menfchen- 
verftand fie verfichern mag jedoch, fo glauben fie an einen 



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Das Münchner Penn-Manufkript. 



17 



Gott und die Untterblichkeit ohne die Beihilfe der Metaphytik; 
denn He lagen: Da ilt ein großer König, der He gemacht, 
welcher in einem herrlichen Lande gegen Mittag wohnt, und 
daß die Seele eines Frommen dahin fahre, allwo fie wiederum 
leben foll. Ihr Gottesdienit befteht aus zwei Stücken: Opfer 
und Gelänge. Ihr Opfer ilt die erlte Frucht. Der erlte und 
fettefte Bock oder Hirlch, den lie töten, gehet nach dem 
Feuer, allwo er mit einer traurigen Gebärde dellen. Io die 
Zeremonie verrichtet, ganz verbrannt wird. Und dieles tut 
ein lolcher mit lolcher leltfamen Fettigkeit und Bemühung 
des Leibes, daß ihm falt überall der Schweiß ausbricht. Das 
andere Stück ilt der Gelang, welcher mit einem Zirkeltanz 
gelchieht, je bisweilen bloß in Worten, je bisweilen in Ge- 
längen, und dann mit einem Freudengelchrei. Zwei Heben 
in der Mitte und regieren mit Singen und Trommeln auf 
einem Brett den Chorum. Ihre Gebärden in dem Tanz lind 
lehr anlcheinend und lehr mannigfaltig, jedoch alle nehmen 
ihr Maß wohl in acht. Dieles wird mit einer durchgehenden 
Ernlthaftigkeit und Arbeit verrichtet, doch erlcheint dabei 
eine große Freude. Zu dem Herbit, wenn das Korn ein- 
gebracht wird. Io galtieren lie einander. Es lind bereits 
zwei große Feite oder Galtmahle gewelen, zu welchen ein 
jeder, der da will, kommen mag. Ich lelblten war bei einem. 
Ihre Bewirtung war unter einer grünen Hütte, bei einer 
Quelle von etlichen Ichattigen Bäumen, und zwanzig Hirlche 
nebenit warmen Kuchen, lowohl von Weizen als Bohnen, Io 
lie vierkantig machen, in Blättern von dem Stamm und 
Bachen*) lie ihn aßen. Und hernach fingen lie an zu tanzen. 
Aber die. Io dahin kommen, müllen eine kleine Verehrung 
an ihrem Gelde mitbringen, ungefähr 6 Pfennig englifch, 
welches aus den Beinen aus Filchen gemacht ilt. Die 
fchwarzen lind bei ihnen als Gold und die weißen Silber. 
Sie nennen He alle Wampon. 

22. Ihre Regierung gelchieht von Königen, Io fie Sachima 
nennen, und diele erlangen es durch Nachfolge; aber alle 
Zeit von der Mutterleite. Zum Exempel: Die Kinder dellen, 

*] Die deutlich gefchriebenen Worte Uiren keine andere Lefung zu. Es liegt 
hier jedenfalls — wie leider Afters — eine Tczt-Verftfimmiung durch den alten 
Abfchreiber der Überfetzung vor. 

2 



Gaftereien 
der Indianer. 



ladianilchct 

Geld. 



Die H&uptUnge 



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18 



Das Münchner Penn-Manulkript. 



der nun König ilt, können nicht nachfolgen, londern lein 
Bruder bei der Mutter, oder die Kinder leiner Schwetter; 
deren Söhne (und nach lolchen allen die Kinder von ihren 
Töchtern) regieren lodann, denn kein Weib ererbet es. Die 
Uriache, Io He für diele Art der Nachfolge beibringen, ilt, 
daß ihre Nachfolger nicht möchten Baltard-Art lein. 

23. Ein jeder König hat leinen Rat, und derlelbe befteht 
lodUnari). aus allen den alten und weifen Leuten in demlelben Volk, 
welches ungefähr zweihundert Völker find. Es wird nichts 
wichtiges vorgenommen, es lei gleich für Krieg, zum Frieden, 
Vertaulchung des Landes oder Handlungen, das nicht vorher 
mit ihnen überlegt würde, und was noch mehr ilt, mit den 
jungen Leuten noch dazu. Es ilt ein Wunder zu betrachten, 
was lolche Könige für Gewalt haben. Und nichtsdeftoweniger 
wie He alles durch den Atem ihres Volkes bewegen. Ich 
habe die Gelegenheit gehabt, mit in ihrem Rat zu fein, da 
wegen des Landes gehandeft wurde, und die Art der Hand- 
lung zu fchließen. Ihre Ordnung ift dergeftalt: Der König 
fitzet in der Mitte eines halben Mondes und hat leinen Rat 
der Alten und Weilen auf jeder Seite. Hinter ihnen, ein 
wenig davon ab, fitzet die jüngere Gefellfchaft in fo einer 
Figur. Als He beratfchlaget und die Sache befchloffen hatten. 
Io verordnete der König einen, fo mit mir reden follte, der 
ftund auf und kam zu mir und begrüßte mich in dem Namen 
feines Königs, nachmals nahm er mich bei der Hand und 
fagte zu mir, daß er von feinem König verordnet wäre, mit 
mir zu reden, und nunmehr wäre es nicht er, fondem der 
König fo zu mir redete, dieweil das, was er zu lagen hätte, 
des Königs Wille fei. Erftlich bat er mich, fie zu ent- 
fchuldigen, daß fie vormals mich nicht vergnüget hätten, er 
beforgte das, da einige Schuld an dem Dolmeticher, weil er 
weder ein Indianer noch Englilcher gewelen. Über diefes 
fo wäre es der Indianer Gebrauch, über feine Sache zu rat- 
fchlagen und viel Zeit dabei anzuwenden, ehe dann daß He 
den Schlußmachen. Und wofür das junge Volk und die 
Eigentumsherrn des Landes wären, wie er Io bereit gewefen, 
ich hätte keinen folchen Vorzug zu gewärtigen gehabt. Als 
er mir dergeftalt den Eingang in dieler Sache gemacht hatte, 
als dann wendete er fich zu denen Grenzen des Landes, 



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Das Münchner Penn-Manulkript. 19 

weshalben wir mit ihm da gehandelt hatten, und delfen Preis. 
(Solcher ilt ein wenig teurer; denn, was man lonit wohl für 
zwanzig Meilen gegeben, kann man jetzo kaum zwei dafür 
haben.) Die Zeit über, daß dieier Mann redete, konnte man 
nicht inne werden, daß ein einziger gewilpert und gelächelt 
hätte. Die Alten waren mit einer Gravität und die Jungen 
mit Ehrerbietigkeit in ihrem Welen. Sie reden wenig, aber 
ernltlich und wohlgeietzt. Ich habe niemals mehr natürliche 
Oefchicklichkeit gelehen. Wenn ich lie betrachte, wie tie 
ohne die Hilfe (ich hätte bald getagt das Verderbnis) des 
Menichentandes find, und der verdienet den Namen eines 
weiten Mannes, der in Handlung in einiger Sache, fo He 
verftehen, dielelben überklügeln kann. Als wir nun in dem 
Handel einig, da fielen beiderleits große Verheißungen 
zwilchen uns wegen guter Freund- und Nachbarlchaft und 
daß die Indianer und Engliichen müllen in Liebe zulammen- 
leben, lolange als die Sonne Licht gebe. Welches, als es 
gelchehen war, io machte ein anderer zu denen Indianern 
eine Rede im Namen aller der Sachamarkers oder Könige. 
Erltlich erzählte er ihnen, was vorgegangen war; hiernächit 
gebot und befahl er ihnen die Chriften zu lieben und in 
Sonderheit mit mir in Frieden zu leben wie auch mit dem 
Volk unter meiner Regierung. Daß viel Gouverneurs wären 
an dielem Strom gewelen, aber keiner unter den Gouver- 
neuren lelblten dahin gekommen, allda zu leben und allda 
zu verharren. Und lie hätten nun einen lolchen, der lie 
wohl hielte, lie tollten ihm oder den Seinigen niemals etwas 
widriges zufUgen. 

24. Ihre Gerichte lauten auf eine Geldltrafe. Im Fall, daß 
einige Unbilligkeit, Übeltat, es fei gleich lelblt ein Totichlag, 
vorgehet. Io wird es durch Gaftereien und Verehrungen von 
ihrem Wampan wieder gutgemacht, welches dann nach der 
Art der Beleidigung oder aber der beleidigten Perionen oder 
je nachdem es Mann oder Weib betrifft, eingerichtet Dann 
im Fall, daß ein Weib getötet wird, fo müllen lie doppelt 
zahlen, und die Urlach delfen, so lie angeben, ilt, daß lie 
Kinder hervorbringen, welches die Mannsleute nicht tun 
können. Es gelchieht lehr leiten, wenn lie nüchtern find, daß 
lie lieh veruneinigen, und wenn lie trunken lind. Io vergeben 

2 * 



L4mdT«tk&nlc. 



Pcon alt 
Landctlktrr. 



IndiuüIcbM 

G*richU> 

wefaa« 



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20 



Das Münchner Penn-Manufkript. 



lie es einander und lagen: Es war der Trunk und nicht der 
Mann, Io ihnen die Unbilligkeit zufUgte. 

Gute 25. Wir haben uns verglichen, daß in allen Streitigkeiten 

aeriodUMr. von ielblten auf jeden Teil die Sache loll beigelegt werden. 

Tue ihnen kein Unrecht, londern lalle ihnen Gerechtigkeit 
widerfahren, und Io wirft du lie gewinnen. Das ärglte ilt, 
daß fie Ärger lind den Chritten und diele haben doch ihre 
Latter unter lie gebracht und haben ihnen Menschen -Tand 
nicht zu guten, londem zu bölen Dingen gelehret. So niedrig 
die Ebbe ilt, das er innen lein,*) und Io herrlich als ihr Zu- 
Itand Icheinet, Io haben doch die Chrilten mit allem ihrem 
Vorwand einer höheren Offenbarung nichts mehrers erlangt. 
Was für Gutes lollte nun nicht ein gutes Volk ausrichten 
können, allwo Io ein klarer Unterlchied zwilchen dem Guten 
und Bölen ilt? Ich bitte Gott, daß er die Herzen aller derer. 
Io an diele Örter kommen, dahin neigen wolle, daß lie möchten 
die Erkenntnis dieler Eingebornen mit einem feiten Gehor- 
lam zu ihrer größeren Erkenntnis des Willens Gottes nach- 
leben, denn es wäre sicherlich elendiglich für uns, wenn wir 
unter die rechtmäßige Verurteilung in denen Oewiflen der 
armen Indianer verfallen follten, dieweil wir von den Sachen, 
die loviel höher find, viel vergeben, 
d« ihres Urfprungs, Io lollte ich falt glauben, daß 

lie von jüdischer Abkunft, ich meine von dem Stamm der 
zehn Gelchlechter. Und diefes folgender Uriachen halber: 
Erltiich, daß lie haben müllen in ein unbekanntes und unge- 
bautes Land gehen, weiches licherlich Alien und Afrika ge- 
welen, wonicht Europa, und einer, der das londerbare Urteil 
über dielelbige beobachtet, lollte ihre Reile dahin nicht 
fchwer machen, weilen es an lieh Ielblten nicht unmöglich 
ilt, von denen öltlichen Teilen in Alien nach Welten in 
Amerika, ferner wegen der Gleichheit ihrer Gelichter und 
ihrer Kinder in Io einer lebendigen Gleichheit, daß einer der 
lie lieht, wohl gedenken möchte, er wäre zu London in 
Dukesplace oder Berry-street. Über dieles ilt nicht genug, 
lie kommen auch mit ihren Gebräuchen. Sie rechnen nach 
dem Mond, lie opfern ihre erlten Früchte, fie haben eine 



*J AU« T«xtv«r(töauBeiufi|. 



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Das Münchner Penn-Manufkript. 



21 



Art des Fettes der Laubhütten, es wird gelagt, daß iie ihren 
Altar auf zwölf Steine fetzen, ihre Trauer dauert ein Jahr, 
die Gewohnheiten der Weiber, neben vielem anderen, Io mir 
nun nicht beifällt. 

Soviel von den Eingebornen hiernächlt. Io müllen auch 
die ehemaligen Anbauer hier betrachtet werden, ehe denn, 
daß ich zu unterer Anpflanzung und was dergleichen anhängig, 
komme. 

27. Die erlten Anbauer an dielen Orten find die Holländer 
gewelen, und bald darauf die Schweden und Finnen. Die 
Holländer begaben lieh zur Handlung, die Schweden und 
Finnen zur Haushaltung. Da ift zwilchen ihnen etliche Jahre 
eine Streitigkeit vorgegangen, indem daß die Holländer, die 
lelber vorgedrungen in ihrem Belitz und Erlangten, gute 
hielten (?), welches endlich durch die Übergabe von John 
Rifing, dem fchwedifchen Gouverneur, an Peter Styveshand, 
Gouverneur der Staaten in Holland, anno 1655 geendiget 
worden. 

28. Die Holländer waren mehrenteils in den Orten dieler 
Landfchaft, fo nahe an der Bai liegen, und die Schweden an 
dem Delaware-Strom. Es ilt nicht nötig einige Befchreibung 
hievon zu geben, als die da dorten befier bekannt denn hier 
lind. Sie lind ein gradgleiches ftarkes und fleißiges Volk, 
Iie haben aber keinen großen Fortgang in der Pflanzung 
und Fortbringung fruchtbarer Bäume gemacht, gleichfam, als 
ob fie nicht mehr verlangten, genug den Überfluß und 
Handlung zu haben. Aber ich halte dafür, die Indianer 
machten Iie hierinnen delto weniger lorgfältig, indem fie fie 
mit den Mitteln zu einem Nutzen verfahen, nämlich Häute 
und Pelzwerk für Rum und dergleichen Itarke Getränke. Sie 
nahmen mich lehr freundlich an, uns lowohl, als die Eng- 
lilchen, welcher wenig waren, ehe die Leute, fo mit mir zu 
tun hatten, herüberkamen. Ich muß ihren Relpekt gegen 
die Autorität und ihr freundliches Betragen gegen die Eng- 
länder notwendig rühmen. Sie lind von der alten Freund- 
Ichaft der beiden Königreiche nicht abgeartet, und gleichwie 
Iie Leute gerad und ftark von Leibe lind, aifo haben Iie auch 
feine Kinder und faft in allen Häulern voll, man wird leiten 
einen unter ihnen finden, der nicht drei oder vier Söhne 



Die erften 
Koloniiten 
am Delaware. 



Die HoUinder, 



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22 



Das Münchner Penn>Manufkript. 



habe, und loviel Töchter. Etliche auch wohl fechs, lieben 
und acht Söhne. Und ich muß ihnen ihr Recht tun, ich lehe 
wenig junge Menichen, die mehr mäßiglich und arbeitslam 
lind. 

Di« Schweden. 29. Die Holländer haben einen Verlammlungsplatz für 
ihren Religionsgottesdienit zu New-Caltle und die Schweden 
drei, einen in Chriltiania, den andern zu Tenecum und einen 
zu Wicoco innerhalb einer halben Meile von dieler Stadt. 

30. Hier ift noch übrig von dem Zuftand, worinnen wir 
lind, und von der Einrichtung, die wir gemacht haben, zu 
reden, worinnen ich will Io kurz als ich kann, handeln, denn 
ich befürchte mich, und das nicht ohne Urlach, daß ich Eure 
Geduld mit dieler langen Hiltorie bereits als zu lehr ver- 
luchet. Das Land grenzet oltwärts an den Strom und die 
Bai Delaware und die Oltlee. Es hat den Vorteil von 
manchen Bächen und vielmehr FlüIIen, welche in denfeiben 

FinßrcWffehrt. gtrom oder Bai einiließen. Etliche lind Ichiffbar für große 
Schiffe, etliche für kleine. Die vornehmiten find Chriftina, 
Brandywine, Skilpot und Schuylkili, deren jeder hat foviel 
Raum, daß königliche Schiffe in England darauf liegen 
könnten. Da lind ihrer von vier bis acht Faden tiefes Waller. 

31. Die geringeren Bäche oder Fiüfle jedoch zu Scha- 
luppen und anderen von ziemlichen Latten bequem find 
Lewis, Mefpilion, Dedar, Dover, Cranbronk, Jevershan und 
unterwärts Georges, auch Chicelter, Chelter, joncawry, 
Pemmapecka, Portgueshin, Nelchimeneck und Pennbery in 
den Freshes, etliche find noch kleiner und doch gut vor 
Nachen und Schaluppen. Untere Leute haben lieh mehren- 
teils an den oberen FlüIIen niedergelallen, welche lehr an- 
genehm und lieblich lind, und liegen mehrenteils an gutem 

EinteUuoj des Lande. Der angebaute Teil dieler Landichaft ilt in lechs 
*° Landichaften abgeteilt: Philadelphia, Buckingham, Chelter, 
New-Caltle, Kent und SuIIex und haben ungefähr bei 4000 
Seelen in lieh. Die Generalverlammlung ift gehalten worden, 

Geictzgebun«. und zwar mit Io einer Einträchtigkeit und Verrichtung, daß 
lie nur drei Wochen geleiten und am Ende wurden liebzig 
Geletze in einigen angelegenen Sachen ohne Widerlpruch 
geordnet. Aber von dielem nachmals mehr, indem wir noch 
roh und neu in unteren Anlagen lind, nichts deltoweniger 



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Das Münchner Penn-Manulkript. 



23 



kann ich die londerbare Gutachtung gegen mich in der 
Kindheit dieler Dinge nicht vergetfen, als die da durch ihre 
lelbft eigenen Koften io getchwind die meinigen, wegen des 
allgemein Betrachteten und Verehrten mich mit einer Auf- 
lage au! gewille Güter, Io aus- und eingebracht werden. 
Welches nachdem ich ihre Zuneigung erkennt habe, ich 
wiederum freiwillig zu der Landlchaft und den Handelsleuten 
übergeben, und zu einer guten Regierung der betagten 
Landlchaft. So lind auch Gerichtsplätze in einer jeden der- 
telben ein Gericht und mit Bedienten als Richter, Sheriffs, 
Clarks, Conftables verleben, welches Gericht alle zwei Monate 
gehalten wird. Aber um Rechtsgängen vorzukommen, Io 
lind bei jeder Lände Hofgerichtsitellen, drei Friedensmacher 
verordnet, auf die Art wie insgemein Arbitri oder Schieds- 
leute find, um zwilchen Menichen und Menichen zu hören 
und die Streitigkeiten zu enden. Jeden Frühling und im 
Herbit wird in jeder Landlchaft wegen der Wailenkinder Rat 
gehalten um die Sache der Wailen und Witwen zu unterfuchen 
und in Ordnung zu bringen. 

32. Philadelphia, die Erwartung derer. Io in dieler Land- 
lchaft zu tun haben, ift endlich zu großem Vergnügen derer 
ailhier, Io einiger Weile mit darunter begriffen, aus gelegt 
worden. Wo lie liegt, ilt ein Stück Landes, das zwilchen 
zweien Ichiffbaren Strömen, dem Delaware und Schuylkill, 
liegt, und hat auf dem Waller zwei Vorplätze, jedweder eine 
Meile oder zwei von einem Strom zu dem andern. Der De- 
laware ilt ein herrlicher Strom, aber der Schuylkill ilt über 
dem Fall auf die hundert Meilen bequem zu Ichiffen und lein 
Lauf ilt Nord-Ost gegen den Brunn Susquehanah (Io in der 
Mitten der Landlchaft liegt, und auf beiden Seiten ilt es 
unter eigen) es ilt nicht unmöglich, daß es einem großen 
Teil zu Einrichtung in dieler Zeit dienen möchte. Ich läge 
wenig von der Stadt lelblt, derweil ein Grundriß derfelben 
durch Agenten kann gezeigt werden, in welchen alle diele. 
Io von mir etwas darinnen überkommen, ihre Namen und 
Anbehörungen zu finden. Aber dieles muß ich zu der herr- 
lichen Vorlehung Gottes gedenken, daß unter Io vielen Orten 
als ich in der Welt gelehen, keinen, der belfer gelegen, je- 
mals gefunden. Io daß es mir vorkommt, als ob er zu einer 



Gerichtt' 

vcrfariuDg» 



Fürforge ffir 
Witwen und 
WnifcD. 



Anlage 
der Sta<U 
Philadelphia. 



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24 Das Münchner Penn-Manutkript. 

pÜi°idtlpM«1° verwendet würde, es lei gleich Ausnützung der Ströme 

oder der Bequemlichkeit der Wallergänge, Schiffe zu bauen 
und der Quellen, die Feuchtigkeit und Gefundheit des Landes 
und der Luft, Io bei den Leuten an dielen Örtern für lehr 
gut gehalten wird. Es hat innerhalb eines Jahres auf die 
80 Häufer und Hütten zugenommen, Io als wie fie find. All- 
wie Kaufleute und Handwerksleute ihrem Beruf Io ftark lie 
können folgen, itt es daß Landleute feit an ihren Landhäulern 
Erniecraebnitre. verbleiben. Etliche derlelben brachten den vergangenen 
Herbit einwenig Winterkorn in die Erde, und insgemein 
haben lie einen ziemlichen Sommerwachs gehabt, und richten 
wiederum vor Winter Korn zu. Sie ernten dieles Jahr ihre 
Gerlte ein in dem Monat, Mai genannt, den Weizen in denen 
folgenden Monaten, lodaß inzwilchen Zeit ilt zu einem 
andern Gewächs von unterlchiedlichen Dingen ehe die 
HaadeUflotte. Winterzeit kommt. Wir haben täglich Hoffnung die Anzahl 
unterer Schiffe zu vermehren, denn gelobt lei Gott, hier ilt 
Raum und Gelegenheit für dielelben. 

Das Gelchwätz wegen des Mangels ilt entweder die Furcht 
unlerer Freunde oder die Icharfen Klauen unteres Feindes 
denn wir haben das härtelte überltanden, Io da gewelen ift 
Nahrungsmittel, pökelfleilch, welches neben den Vögeln im Winter und den 
Filchen im Sommer neben noch anderen, wie auch Lamm-, 
Hammel- und Kalbfleilch und der Überfluß an Wildpret in 
den beiten Zeiten des Jahres, die Zeit wohl hingebracht hat. 
Ich preife Gott, ich bin mit dem Lande und der Einrichtung^, 
Io ich in lelbigem haben kann, völlig vergnügt, denn ich 
finde in dielem meine ablonderliche Vergnügung, fo ich alle 
Zeit erwartet, daß Gott durch eine Vorlehung dieles mir zu 
einem Ort, wo ich Itill litzen mag, gemacht hat. Ihr dürft 
obiiige^*eitcn gedenken, daß mein Zultand nunmehr mehrere als etwa 

von ordentlicher Arbeit frei fei, und lolche mag ich wohl 
lagen, ift ein unrichtiges Corpus, jedoch die Art und Weife, 
wonach die Sachen zu richten, wird die Mühe erleichtern 
und eine ieichtere Bewegung denen Vorrichtungen und Ge- 
fchäften geben. Nichtsdeltoweniger gleichwie es manchen 
Menichen obliegt, zu pflügen, etlichen zu fäen, etlichen zu 
wälfern und etlichen zu ernten, allo ilt es lowohl die Weisheit, 
als Schuldigkeit eines Menichen, lieh dem Willen der Vor- 



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Das Münchner Penn-Manulkript. 25 

lehung aufzugeben und lowohl mit Freuden, als Sorgfältig- 
keit die Leitung derfelben zu umhalfen und ihr zu folgen. 

33. Was Euch abfonderlich betrifft, fo mag ich Euch völlig 
zu dem Brief des Prälidenten in der Sozietät verweilen; aber 
dieles toll ich nicht erkühnen zu wagen. Eure Landes-Ein- 
richtung fowohl in- oder außerhalb der Stadt ift wegen der 
Gelegenheit und des Grundes ohne Ausnahme, Euer Los in 
in der Stadt ift einer ganzen Straße, und die eine Seite der 
Straße von Strom zu Strom, und hält genau 100 Acker in 
lieh, welches nicht gering zu fchätzen, ohne Euere 400 Acker 
in der Stadtfreiheit liegend, fo ein Anteil ift der 20000 Acker 
in dem Lande. Euer Lohgerbhaus hat einen lolchen Vorrat 
an Rinden, die Sägmühle an Zimmerholz, der Ort zu dem 
Glashaus ift fo bequem zu dem Waflertragen, der Staden zu 
einer Auibauung der Schiffe, und das Waifilcherhaus auf 
einer guten fruchtbaren Bank, und die Stadt Lewis nahe da- 
bei um Eurem Volk zu helfen, daß durch den Segen Gottes 
die Verrichtung der Sozietät natürlicherweife zu ihrem Auf- 
nehmen und Anfehen wachfen muß. Ich bin verfichert, daß 
ich in keinem ermangelt, was ich ihnen angeboten, fo zu 
ihrem Nutzen dienen möchte, und ob ich fchon etwas vor- 
zufchlagen nicht allzubequem, fo bin ich doch ihren Be- 
dienten mit beigetreten um ihren Nutzen zu befördern und 
zu unterhalten. Es ift auch bereits berichtet, was Euch ferner 
nötig zu tun. Und was die Beförderung zum Weinbau und 
zu Bereitung Leinzeugs betrifft an diefen Orten, kann ich 
nicht anders als wünfehen, daß Ihr es befördern möchtet und 
die franzöfifchen Leute fcheinen für beides bequem zu lein. 
Diefer einen Urfache halber wollte ich Euch ermahnen, daß 
ihr etliche taufend Weinfächfer ließet aus Frankreich kommen, 
und etliche guteWeingärtner und auch andere zu dem Linnen, 
dieweil ich aber dafürhalte, daß Ihr bereits in diefem und 
vielem andern von Eurem Präfidenten leid berichtet worden, 
fo will ich nichts mehr melden, fondern verfichere Euch, daß 
ich herzlich geneigt bin, Euren rechtmäßigen Nutzen zu be- 
fördern und daß Ihr mich allezeit finden follt. 

Philadelphia, den 16. des 6. Euer geneigter und 

Monats, genannt Auguft, 1683. Herzensfreund 

William Penn. 



Grundbefitz 
d«r Londoner. 



Anlagen der 
Londoner in 
Philadelphia. 



Weinbau, 

Leioenweberei. 



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26 



Das Münchner Penn-Manulkript. 



Lage der Stadt. 



Verteilung der 
Gnmditücke. 



Eine kurze Nachricht 
wegen der Anlage und Begriff der Stadt 
Philadelphia 

und deren beigefügten Grundriß 
durch den Surveyor-General. 

Die Stadt Philadelphia erltreckt lieh in der Länge von 
einem Strom zum andern auf zwei Meilen und in der Breite 
bei mehr als eine Meile. Und der Gouverneur, um leine Ge- 
wogenheit gegen die Käufer defto mehr zu bezeugen, hat 
ihnen ihre in der Stadt zukommenden Lote umlonlt gegeben, 
ohne Abzug des geringiten Stückes ihres erkauften Landes, 
und indem fie nun zwilchen zweien Ichiffbaren Strömen auf 
einem Stück Landes angelegt und eingerichtet ilt. Io daß die 
Schiffe einen guten Ankergrund bei lechs und acht Faden 
Waller in beiden Strömen nahe an der Stadt haben. Und 
das Land, wo die Stadt aufliegt, ift erhoben, trocken und ge- 
fund. Eine folche Gelegenheit kann kaum gefunden werden. 

Die Art und Weife der Stadt erfcheint aus einem kleinen 
Abriß, Io nun gemacht worden, und mag hiernächft, wenn 
es die Zeit zuläßt, vermehrt werden. Und dieweil in lolchem 
kein Raum ift, der Käufer ihre Namen einzufetzen. Io habe 
ich deshalb Zahlen geletzt, wodurch eines jeden Los und 
Platz in der Stadt mag erkennet werden. 

Die Stadt ilt nun Io angeordnet, durch die Vorlorge und 
Weisheit des Gouverneurs, daß lie gegen jeden Strom ein 
Stück bloßen Landes hat, die eine Hälfte am Delaware und 
die andere am Schuylkill. Und dies alles hindert dennoch 
nicht, daß nicht geringe »Römitette* (?) tollten in dem Vor- 
raum lein, wieviel daß fie alle in denen nächlten Straßen 
geordnet fein, lo an jeden Vorraum ftößet. Nämlich alle 
Käufer auf 1000 Acker und mehrers haben den Vorraum (und 
die Hochltraße) und zu jeden 5000 Acker Einkauf in dem 



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Das Münchner Penn-Manulkript. 27 

Vorraum ungefähr einen Acker, und die geringen Käufer un- 
gefähr einen halben Acker hinten an der Straße, wodurch 
der geringfte Raum genug zum Hausgarten und kleinem 
Obftgarten hat, mit großer Vergnügung aller derer, denen 
es hierunter angeht. 

Die Stadt (wie der Grundriß zeigt) betteht aus einer 
breiten Vorltraße zu jedem Strom und einer Hochftraße (nahe 
in der Mitte), von einem Vorraum (Strom) zu dem andern 
ein hundert Fuß breit und eine breite Straße in der Mitte 
der Stadt, von Seite zu Seite in gleicher Breite, ln dem 
Mittelpunkt der Stadt ift ein viereckiger Platz von zehn 
Ackern; in jeder Ecke tollen Häuter zu den allgemeinen 
Gefchäften fein, als ein Verfammlungshaus, ein Stadt- oder 
Rathaus, ein Markthaus, ein Schuihaus und viele andere Ge- 
bäude zum gemeinen Wefen. Da ift auch in allen vier Ab- 
teilungen der Stadt ein Viereck von acht Ackern zu fo einem 
Gebrauch als wie in London die Meerfields, und acht Straßen 
(ohne die gedachte Hochftraße), welche von einem Vorraum 
zu dem andern gehen, und zwanzig Straßen (ohne die er- 
wähnte breite Straße), fo quer durch die Stadt gehen, von 
einer Seite zu der andern. Alle diele Straßen find fünfzig 
Fuß breit, in jeder Zahl in dem Riß (in dem Vorraum und 
der Hochftraße) find die Käufer auf 1000 Acker und mehrere 
bis auf 5000 Acker-Los, lowohl in dem betagten Vorraum, 
als der Hochftraße, und die Zahl ift gerichtet zu jedem Los, 
und fo in der Stadt, alfo daß ein jeder dadurch fehen mag, 
was ihm angehört. 

Die Vorraums-Lole fangen an, an dem Südende des Vor- 
raums bei denen Zahlen und erltrecken lieh zu dem Nord- 
end und endigen lieh mit der Zahl 43. Die Hochftraßen-Lole 
fangen an gegen den Vorraum mit der Zahl 44 und gehen 
Io bis zu dem Mittelpunkt. Die Lole geringerer Käufer fangen 
mit der Zahl 1 in der andern Straße an, und gehen fo mit 
Zahlen fort, wie in dem Riß zu fehen; die größte derfelben 
ift zuerft geletzt, nahe an dem Vorraum. 



BeCchrcibung 
der Stadt. 



Die LoIc sur 
Stadt- 
erbauung. 



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28 



Die Schrift des Paftorius. 



II. 

Andere Landbelchreibungen von Pennlylvanien 
aus der Zeit William Penns. 

.. . lilliatn Penn lelblt hatte, nachdem die königliche Land- 
ler charter in leinen Händen war, behufs Gewinnung von 

. Anfiedlern mehrere Flugichriften über fein Land ver- 
breiten lallen, noch bevor er es aus eigener Anfchauung 
kannte. Zwei davon wurden auch ins Deutfche Uberletzt, 
nämlich die 1681 erfchienene Flugichrift .Some Account of 
the Province of Pennlylvania in America“, und der 1683 
herausgekommene weitere Bericht: „Brief Account of the 
Province of Pennlylvania“*). Die eine dieler Flugichriften 
umfaßte dreieinhalb Druckfeiten, die andere einfchließlich 
des Abdrucks der ausführlichen königlichen Charter zehn 
Druckfeiten. Abgelehen von dem wenig ausführlichen Inhalt, 
fehlte dielen zwei von Penn und feinem Sekretär Furly zu- 
lammengeltellten Schilderungen die lichere Grundlage der 
Landkenntnis aus eigener Anfchauung. Diefem Mangel hat 
dann Penn durch feinen großen Bericht aus Philadelphia 
vom Auguft 1683 trefflich abgeholfen. 

Eine in mancher Hinficht noch ausführlichere Befchreibung 
von Pennlylvanien erfchien im Jahre 1700, und zwar nur in 
deutfcher Sprache, nämlich eine BrofchUre, die auf dem 
Titelblatt den penfylvanifchen Friedensrichter Franz Daniel 
Paftorius (zu deutfch Schäfer) als Verfalfer nennt. Paftorius, 
ein deutfcher Rechtsgelehrter, war von einer Frankfurter 
Land- und Handeisgefellfchaft nach Penns Provinz entfandt 
worden und dort am 20. Auguft 1683 zu dauerndem Aufent- 

*) Sachf« a. a. 0. S. 9. 



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Umflänt)ide 

p^if(®e 

i(flrdf)un9 

iß oUerle^t erfimt)eneit 

PENSYLVA- 

NIjE, 

3h (<nen ©tl>f©rän6ett 

AMERICiE . 
3»l>a stU&mi 

FRANCISCUM DANIELEM 

PASTORIUM, 

J. V. Lic. unI>Srte&en0>Chicbf(m 
tafelbfTetu 

dttdebencfet finb eitti« 

ge notable ^Se^eben^eiten / unb 

iStr jc()t'@(bceiben an OefTen ^ernt 
‘SBatfem 

MELCHIOREM ADAMÜM PASTO- 

RIUM, 

ltnb onbcregute Sceunbe. 

gvandfuct unO JLcipsiQ/ 

SufinbeiY bco 8(ttDrea$ Otto. 1700. 



Die Schrift des Paltorius. 



29 



halt eingetroHen*). Er eritand von Penn fUr die Frankfurter 
Gefelllchaft ein größeres Landgebiet und gründete darauf 
die Stadt Germanopel bei Philadelphia**). Überhaupt war 
er tätig als Organilator der Beliedelung neben Penn, mit 
dem ihn bald enge Freundichaft verband. 

Das Büchlein von Paltorius hat den Titel: „Umftändige 
Geographifche Befchreibung der zu allerletzt er- 
fundenen Provinz Pennfylvania*.***) Indellen ging 
doch die Herausgabe nicht unmittelbar von Paltorius aus, 
der [ich als Kolonift in Germantown oder gar auf einer ent- 
legenen Farm kaum damit befallen konnte, in Deutlchland 
ein Buch drucken zu lallen. Diele Aufgabe übernahm viel- 
mehr fein Vater, bei dem lieh ohnehin in den Briefen des 
Sohnes fchon leit Jahren der Stoff dazu angefammelt hatte. 
Wahrlcheiniich geht logar die ganze Veranitaltung auf eine 
Anregung des Vaters hinaus. Dieter, Melchior Adam 
Paltorius, war Doktor Juris, hochfürltlich brandenburgilcher 
Rat und Hiltoriker, und wohnte damals in der Reichsitadt 
Windsheim in Franken. Es fcheint, daß der jüngere Paltorius 
auf die Aufforderung des Vaters hin, ihm als Ergänzung 
oder Einleitung zu den Briefen die allgemeine Befchreibung 
des Landes geliefert hat. Durch Paltorius V ater ward dann dieles 
Manufkript lamt den Briefen des Sohnes und den Konzepten 
einiger von ihm felblt an leinen Sohn und an William Penn 
gerichteten Schreiben dem Verleger Otto in Frankfurt a. M. 
zur Herausgabe eines Buches überlalfen. Die eigentliche 
Vorrede des Buches ftammt zwar vom Koionilten Paltorius 
lelbft; voraus geht aber eine kurze (nicht unterlchriebene) 
Anrede „An den geneigten Leier“, worunter in anderer 
Schrift folgende Mitteilung gedruckt ilt: 

*) Paltoriu* (elblt gibt dielen Xa£ als LandungstaS an. Er berichtet im 16. Ka- 

f itel der unter leinem Namen herausgekommenen GeographiXchen Befchreibung von 
ennfyWanien Aber feine Ankunft folgendes: „Den 16. Auguft 16S3 bekamen wir 
Amerika zu Geficht, gelangten aber erft den 18. eiusdem in dem DelawarefluS an. 
Den 20. ejusdem fu^en wir an Neu-Caftle und Uplud vorbei und arrivierten gegen 
Abend glflcklich zu Philadelphia, allwo ich von dem Gouverneur William Penn mit 
Uebevollar Freundlichkeit empfangen wurde.* 

**) Später Germantown genannt, feit 1854 in der Stadt Philadelphia aufga* 
gangen. 

***) Siehe das hier beigegebene Fakfimüe der Titelfeite. Dis Ausgabe der 
Paftorius'fchen Schrift von 1700 war Sachfe wohl bekannt, aber er bringt in feinem 
S. 2 näher bezeichneten Werke das Fakfimile des Titels der Ausgabe von 1704, 
der zweiten Auflage, die man nicht fflr die urfprAngUchs halten darf. 



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30 



Die Schrift des Paltoriut. 



,NB. Diele* empfing der Verleger aus der Hand 
Melchioris Adami Paftorii, J. U. D., HochfUrltlich 
Brandenburgilchen Rates pnd Hiltorici, delien Sohn 
noch wirklich in Pennlylvania wahrhaft lebet* 

Daraus geht klar hervor, daß nicht Franz Daniel Paltorius 
in Amerika mit dem Verleger in Verbindung getreten war, 
iondern Melchior Adam Paltorius in Windsheim. 

In dem Büchlein von Paltorius ilt zunächit auf 39 Druck- 
leiten in 17 Kapiteln die vom jüngeren Paltorius gelieferte 
Landbelchreibung abgedruckt. Die Einleitung dazu bringt 
eine rein geographiiche Schilderung. Von Übertreibungen 
ift diefe Darltellung, wie es der Zeit entfpricht, nicht ganz 
frei geblieben. So muß es auffallen, daß — wie Ichon im 
Buchtitel — auch im Text behauptet wird, die Provinz 
Pennlylvanien befinde lieh an den Endgrenzen von 
Amerika, obIchon doch die Oltkülte Amerikas für die 
Europäer den nächfterreichbaren Teil des neuen Erdteils 
darltellte. Indellen zeigt lieh im übrigen doch das Beltreben, 
die Dinge wahrhaft zu Ichildern. Beim Berichten über nicht 
lelblt gelchaute Landgebiete konnten aber einige Irrtümer 
nicht ausbleiben. So lagt F. D. Paltorius von Südamerika, es 
fließe dort an der Grenze gegen Nordamerika der Strom 
Panama oder Ilthmus, auf welchem die Reichtümer von 
Amerika zum Meere und auf dielem nach Spanien geführt 
würden. Paltorius hat allo die Landenge für einen Fluß ge- 
nommen. Auch bei den geographilchen Darlegungen über 
die Reifen von Columbus und Velpucius Amerigo kommen 
faliche Angaben vor; Io rechnete Paltorius die Kanarilchen 
Inleln lamt Teneriffa zu Amerika. 

In dem Büchlein wird nun weiter erzählt, daß Penn zur 
Belohnung eines von feinem Vater dem König Karl II., Stuart, 
von England geleifteten Dienit die große amerikanifche Pro- 
vinz, die nun Pennlylvanien heiße, für lieh und feine Nach- 
kommen auf ewig verliehen erhielt und daß Penn dagegen 
nichts als eine Anerkenntnis von jährlich zwei Biberfellen 
dem König zu liefern hätte. Die Verleihungsurkunde ift in 
deutfeher Überletzung im 1. Kapitel des Büchleins vollftändig 
abgedruckt und nimmt darin 6 Seiten ein. 



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Die Schriit des Paltorius. 



31 



Die fiebzehn Kapitel der Belchreibung von Pennlylvanien 
lelblt haben folgende Überlchriften: 

1. Von der pennlylvanilchen Landichaft Erfindung. 

2. Auf welche Art und Weife William Penn diele ge* 
Ichenkt bekommene öde Provinz bewohnt zu machen 
gelucht. Feilbietung. 

3. Wie die Vormeflung der Äcker an die Deutiche So- 
zietät verlaufen. 

4. Von den Landesgeletzen. 

5. Von der Situation und den FlUflen des Landes. 

6. Von der Überkunft William Penns. 

7. Von den durch William Penn gegebenen Gefetzen. 

8. Von den angehenden Städten in diefem Lande. 

9. Von der Fruchtbarkeit diefes Landes. 

10. Von dem Wachstum dieler Landichaft. 

11. Von den Inwohnern dieler Landichaft. 

12. Von den Obrigkeiten dieles Landes, 

13. Von den Religionen in dieler Landichaft. 

14. Von der hochdeutlchen Kompagnie, lo in Pennlyl- 
vanien handelte. 

15. Von der Occalion zur Überfuhr in dieles Land. 

16. Von meiner, Paltorii, eigenen Reife und Überfuhr. 

17. Von unferer Deutlchen allhieligem Beruf. 

Auf dielen Teil des Buches folgt der Abdruck der Briefe, 
die Paltorius von Pennlylvanien aus an verfchiedene Em- 
pfänger gerichtet hat, fowie noch einiger anderer Briefe. Die 
Überlchriften lauten: 

1. Fernerer Bericht (von Paltorius) aus Pennfylvania 
vom 7. Januar 1684. 

2. Sichere und umltändliche Nachricht an die der Eu- 
ropäifchen Sozietät Verwandten aus Pennlylvanien 
den 7. März 1684. 

3. Copia genommenen Abfchieds Francisci Danielis 
Paltorii von feinem Vater und Befreundeten aus Deal 
(engl. Hafenplatz) den 7. Juni 1683. 

4. Ejusdem Literae an Herrn D. Schutz zu Frankfurt a. M. 
vom 30. Mai 1685. 

5. Brief aus Pennlylvanien vom 10. Oktober 1691. 



V* 

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32 



Die Schrift des Paltorius. 



6. Weiterer Bericht aus Germantown vom I. Juni 1693. 

7. Copia des Schreibens aus Pennlylvania vom 30. März 
1694. 

8. Schreiben aus Germantown vom letzten April 1695. 

9. Miffiv aus Germantown den 21. Juni 1694. 

10. Schreiben aus Germantown vom 1. März 1697. 

11. Folgen zwei BeifchlUIIe beider jüngeren Paftorium 
an dero Herrn Großvater aus der pennfylvanilchen 
Stadt Germanopoli den 1. März Anno 1697. 

12. Schreiben aus Germanopel den 13. Mai 1697. 

13. Contenta Literarum Franciscis Danielis Paltorii an 
Herrn Georg Leonhard Model, Rectorem Scholae 
Windsheimenfis. (Ohne Datum.) 

14. Aus Philadelphia gefandt den 30. Mai 1698. 

In dem zuletzt aufgefährtem Schreiben vom 30. Mai 1698, 
das von Paltorius an leinen Vater gerichtet ilt, beitätigt zu- 
nächlt Paltorius, daß er den letzten Brief feines Vaters vom 

15. Augult 1697 am 25. April 1698 (allo nach mehr als acht 
Monaten) richtig empfangen habe. In dielem Briefe hatte 
ihm der Vater fünf Fragen vorgelegt, welche nun Paltorius 
ausführlich beantwortet. Die vom alten Paltorius geheilten 
fünf Fragen waren; 

1. Wie ilt es mit der Beltellung des bürgerlichen Ele- 
mentes in Pennlylvanien? 

2. Welche Regimentsform haben die Wilden und halb- 
nackten Leute? 

3. Wie ilt der Gottesdienft für die Koloniften geordnet? 

4. Wie ilt es mit der Deutichen Kompagnie und ihrer 
Bruderlchaft dermals befchaffen? 

5. Ilt William Penn des pennfylvanilchen Landes Eigen- 
herr facilis aloquii und darf man ihm mit einigen 
Kompliment-Zeilen aufwarten? 

Nach der Antwort auf die fünfte Frage kommt ein befon- 
derer Ablatz, worin Paltorius -Vater mit dem Leier tpricht. 
Er lagt, daß er nach Empfang des foeben wiedergegebenen 
weitläufigen Berichtes gern von einem Dritten Nachricht ge- 
habt hätte, wie es feinem Sohne und dellen Angehörigen in 
der lo fern gelegenen Landfchaft erginge. Er habe deshalb 
das nachfolgende Mifliv an William Penn am 20. Juni 1698 



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Die Schrift dee Paftorius. 



33 



ana Windtheim abgehen lallen. Danach ilt der lateinifch 
abgefaßte Brief abgedruckt wie auch die lateinifche Antwort 
Penna, die dem alten Paftorius von Briltol in England mit 
dem Datum vom 20. Februar 1699 zugegangen war. Beiden 
Briefen, die übrigens falt aus nichts als Höflichkeitsphralea 
beltehen, ilt die deutlche Überfetzung beigefttgt. Penn fpricht 
lieh in der Antwort mit kurzen Worten anerkennend über 
Franz Daniel Paltorius aus und teilt mit, daß diefer im laufenden 
Jahre Friedensrichter in Philadelphia sei, wenn er das Amt 
nicht etwa in jünglter Zeit niedergelegt habe. Er, Penn felbtt, 
werde die Provinz in Bälde wieder betuchen. 

Nach Wiedergabe dielea Briefwechfels zwilchen Melchior 
Adam Paltorius in Windsheim und William Penn folgt im 
Buche ein letzter Brief des Kolonilten Paltorius, überlchrieben : 
.Noch fernerer Bericht aus Pennfylvanien vom 4. März 
16«W.“ 

Zum Schluß ift ein gemeintamer Brief der beiden Söhne 
des Franz Daniel Paltorius in Germantown abgedruckt, den 
lie unterm 4. März 1699 an ihren Großvater in Windsheim 
gerichtet hatten. In Antwort darauf erzählt der alte Paltorius 
den Enkeln leinen eigenen Lebenslauf, was die letzten 18 Druck« 
leiten des Hauptteils des Buches einnimmt. 

Diefem bis hierher vom alten Paltorius zulammengeltellten 
Inhalt des Buches itt zunächtt ein Abdruck des Penn’Ichen 
Berichtes vom Augult 1683 angehängt, natürlich nicht der 
vollftändige Bericht, londern wieder der Text des Flugblattes, 
allo der mangelhafte Auszug. Dabei wird aber vom Heraus- 
geber durchaus nicht mitgeteilt, daß diefer Bericht nur der 
Auszug aus Penns eigener Abhandlung ilt, vielmehr behauptet 
das Titelblatt des Anhangs, daß dies der Penn’lche Eigentext 
lei. Der Titel lautet: 

,Zum Befchluß folgt des Eigenherrn und Oberhauptes 
diefer Provinz felbft konzipierte und an feine Freunde 
überfandte Befchreibung, deren Umftände notabel zu 
leien find.* 

Das nächlte Blatt hat noch außerdem die Überfchrift: 
.William Penns eigene Befchreibung Pennlylvanias an 
feine Freunde nach London.“ 

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34 



Die Schrift des Paltorius. 



Im Kleinoktav -Format des Pattorius’tchen Buchet nimmt 
der Penn’Iche Bericht trotz eines Druckes mit lehr großen 
Lettern nur 14 Seiten und einige Zeilen ein. Bei Vergleichung 
mit dem Umfang des im Abfchnitt I der gegenwärtigen Schrift 
gebrachten vollitändigen Textes erkennt man, wie rückfichts- 
los der Urtext zulammengeftrichen worden war. 

Obgleich nur der Auszug vorgeführt wurde, Io fehlt am 
Schluß doch nicht die Unterlchrift Penns; 

„Philadelphia, den 8. Augult 1683. William Penn.* 
Darunter bringt ein befonderer Ablatz noch folgende Mit- 
teilung: 

„Geichrieben an die Kommiilarien der Freien Sozietät 
der Kaufleute zu London, welche 20000 Morgen Ackers 
in Pennfylvania gekauft und eine Itarke Handellchaft 
gen Philadelphia angelegt haben. Und ilt obiger Be- 
richtsbrief erltiich in englilcher Sprache geichrieben, 
nachmals ins Hochdeutlche überletzt und gedruckt 
worden durch J. W. zu Hamburg. Bei Heinrich 
Heulch im Jahre 1684.“*) 

Auf der nächlten Seite des PaltoriusTchen Büchleins 
(S. 136) beginnt die Schilderung der Stadt Philadelphia nach 
dem Penn’Ichen Bericht von 1683, endigt wegen ftarker Kür- 
zung aber bereits im erlten Drittel der folgenden Seite. Die 
Überlchrift heißt dagegen etwas zu viellagend: 

„Situatio et Magnitudo der Stadt Philadelphia.“ 

Als zweiter Anhang ilt Paskelis Ichiichte Schilderung 
Pennlylvaniens vom Jahre 1683 abgedruckt. Dieter Bericht 
beginnt Seite 138 mit folgender Überlchrift: 

„Noch ein Bericht-Schreiben aus Pennfylvanien Thomae 
Paskelis, der Englilchen Kompagnia Faktoris an Jeann 
von Chippenham in England de 10. Februar 1683.“ 

Auf Seite 140 fchließt auch diele Penniylvania-Betchreibung; 
dann kommen noch die großgedruckten Schlußworte: „Und 
hiermit hat die Pennlyivanilche Belchreibung ein Ende.“ 



*) VcrgL fib«r di« durch Haulch T«ran(t*U«tc Ausgab« d«s gekürzten Penn'febea 
Berichtes and über deKea Datierung vom 8. Anguit «e Darlegungen Seil« 2. 



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Die Schrift des Pultorius. 



35 



In der Heidelberger Univerlitätsbibliothek befindet fich 
auch die zweite Ausgabe dieles Paltorius’fchen 
Buches, die 1704 erfchienen ilt. Der Titel blieb der näm- 
liche wie bei der erlten Ausgabe, nur daß er aus 23 ftatt 
24 Druckzeilen belteht. Die Jahreszahl ilt auch diesmal hinter 
dem Namen des Verlegers Andreas Otto angegeben, aber 
natürlich verändert in 1704. Es liegt da ein vollftändiger 
Neudruck vor, nicht etwa eine bloße Titelauflage, jedoch ilt 
der Inhalt gänzlich unverändert geblieben, ja Seite für Seite 
und Zeile für Zeile find genau übereinftimmend abgefetzt- 
Nur an ganz wenig Stellen wird eine Verlchiebung des Satzes 
erkennbar (wie z. B. — bei ganz gleichem Wortlaut — auf 
Seite 55). An den Typen, wie belonders an den Initialen und 
Schlußvignetten ift übrigens fofort erlichtlich, daß die Aus- 
gaben des Paltorius von 1700 und 1704 zwei verlchiedene 
Drucke find.*) 



Die Memminger Paltorius-Ausgabe. 

Merkwürdigerweile ift falt hundert Jahre fpäter, nämlich 
1792, die Schrift des Paltorius über Pennlylvanien nochmals 
gedruckt worden, wenn auch nur auszugsweile. Der Titel 
diefer 44 Seiten umfalfenden Brolchüre lautet; 

n Geographilch - Itatiltifche Befchreibung der 
Provinz Pennlylvanien von Fr. Dan. Paltorius. 
Im Auszug mit Anmerkungen. Memmingen bei 
Andreas Seyler, 1792.“ 

Auf dem Titelblatt ilt ein in Kupfer geftochenes Bildchen 
angebracht. Dieles zeigt in kreisrunder, oben mit einer Band- 
fchleife gezierten Einfallung die Külte Amerikas, von welcher 
lieh ein Schiff mit vollen Segeln entfernt. Am Lande be- 
Ichäftigen lieh Merkur und ein Indianer mit der Erdkugel. 
Im Hintergrund lieht man eine Beutelrattenfamilie, einen 
Walchbären und einen Kaluar oder Strauß. Das hübich aus- 
geführte Bildchen hat einen Durchmeller von 50 mm. 

*) VgL da» Faklbnila da« Titels der Ausgabe von 1704 bei SacUa a, a. O. Sachle 
bat nur den Titel dielcr Attsgabe, nicht den der urlprünglichen Ausgabe von 1700 
abgebüdet. 

3* 



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36 



Die Memminger Paltorius-Ausgabe. 



Die Memminger Paltorius-Ausgabe ift Dr. Sachfe erft be- 
kannt geworden, als die Einleitung zu feiner Neu-Heraus- 
gabe von Falckners Curieuler Nachricht (Vergl. Fußnote 
S. 21) fchon gedruckt war, Io daß er nur noch das Faklimile 
des Titels der neu entdeckten leltenen Schrift in lein Werk 
einfügen konnte.*) 

Die Paltorius - BrofchUre von 1792 bringt zunächft auf 
34 Seiten in Kleinoktav den Auszug aus der eigentlichen 
Abhandlung des Paltorius in Pennlylvanien, fodann noch auf 
drei Seiten Auszüge aus einigen von den Briefen, die Paltorius 
von 1684 bis 1699 an feine Verwandten und Freunde in Deutfch- 
land gerichtet hat. Den Schluß bildet auf lieben Druckfeiten 
ein Auszug aus William Penns Bericht von 1683. Aber nach- 
dem die Vorlage dazu der verkürzte Text war, den Paftorius- 
Vater in Windsheim von dem deutfchen Flugblatt abgenommen 
hatte. Io haben wir da nur einen Auszug aus einem Auszug 
vor uns, der im Vergleich mit der wirklichen Penn'Ichen 
Schilderung falt wertlos ilt. Überdies hat lieh der Heraus- 
geber der Memminger Schrift geltattet, einige Zutaten in 
den Text miteinzuflechten, zwar nicht aus Eigenem, aber 
(ohne überhaupt von dieler Beilteuerung eine Erwähnung zu 
tun) aus einer 1702 deutich erfchienenen angeblichen Fort- 
letzung des Paltorius’lchen Büchleins, aus der „Continuatio 
der Belchreibung der Landichaft Pennlylvania* von Gabriel 
Thomas. Es find dies die Abichnitte, die vom Opollum und 
vom Fliegenden Eichhörnchen handeln, fodann die Abichnitte 
über Bau-, Pilalter- und Ziegellteine fowie Uber jene Art 
von Kalkiteinen, die man nicht nur zum Bauen, fondem auch 
zum Düngen der Äcker brauchen könnte, ferner noch über 
andere Mineralien, nämlich das Eilenerz, die Magnetfteine, 
das Ilingglas, den Salamanderltein, das Kupfer und die Stein- 
kohle. 

Der Penn’fche Bericht, wie er im Paftorius’fchen Buche 
von 1700 und 1704 enthalten ift, umfaßte immerhin 14‘/t Druck- 
feiten, und zwar bei größerer Zeilenbreite (durchfchnittlich 
40 Buchltaben gegen 35 in der Memminger Brofehüre). Man 

*) Di« Untcrfchrift der TUal-Abbildanf bei Sacble Untet: ,F«csimUe Tille of 
Mcmmin|{«B Edition of 17V2. An herctofore nnknovm eerfion, found after tfae pre- 
paratory chapteri to ibe prefent work wer« written." 



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Die Memminger Pattorius-Ausgabe. 37 

kann daraus abnehmen, wie weit die abermalige Verftümme- 
lung getrieben wurde; denn in den Heben Druckieiten, welche 
der Penn’iche Bericht im Memminger Auszug einnimmt, find 
auch die erwähnten Zulätze aus der Continuatio von Gabriel 
Thomas, towie die Anmerkungen des Memminger Heraus- 
gebers miteingelchloflen. Wenigltens aber ift auf dem Titel- 
blatt angegeben, daß der Bericht Penns nur im Auszug ge- 
bracht wird, welche Angabe der alte Paftorius (Windsheim) 
unterlaflen hat, wahrlcheinlich weil er vom wirklichen Inhalt 
des Penn’lchen Briefes keine Kenntnis hatte. 

Das Memminger Schriftchen von 1792, das fo gut wie 
verfchollen ilt, verdient es immerhin, der Vergeffenheit ent- 
riffen zu werden. Ich drucke daher feinen Inhalt hier voll- 
Itändig ab,*) jedoch mit einer dem heutigen Gebrauche an- 
gepaßten Rechtlchreibung. Die Fußnoten lind natürlich eben- 
falls Beftandteile der Memminger Brolchüre: 



Fr. Dan. Paltorius Nachricht von feiner Reife 
nach Pennfylvanien im Jahre 1683. 

Wer aus England nach Pennfylvanien überfahren will, 
findet dazu die beite Gelegenheit vom Monat April an bis 
in den Herbft. Wenn etwa 35 oder 40 Perionen, oder auch 
mehrere, ohne das Schiffsvolk, beilammen lind, werden lie 
in ein Schiff aufgenommen. Eine erwachfene Perlon bezahlt 
für Fracht, Koft und eine Kilte, ungefähr 6 Pfd. Sterling, 
welches etwa 6 Reichstaler ausmacht. Dienftboten geben 
22 Reichstaler. 

Nachdem ich mich von London nach Deal begeben hatte, 
dingte ich 4 Knechte und 2 Mägde und fuhr in Gelelllchaft 
von 80 Perionen den 7. junius 1683 ab. Das Schiff ging 
13 Fuß unter Waller. An Speife und Trank hatten wir keinen 
Überfluß. Zehn Perfonen zulammen bekamen wöchentlich drei 
Pfund Butter, täglich 4 Kannen Bier und eine Kanne Waller, alle 
Mittage zwei SchüIIeln Erblen, in der Woche viermal Fleilch 
und dreimal gelalzene Fliehe, die man mit der empfangenen 

*) Nach dem Exemplar in meiner eigenen Bflcherei. 



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38 



Die Memminger Paltorius-Ausgabe. 



Butter lelbit zurichten mußte. Was jeder vom Mittageilen 
erlparen kann, ift leine Nachtmahizeit. 

Den 16. Augult 1683 Iahen wir die Killten von Amerika 
und langten am 18. im Delaware-Fluß an. Den 20. fuhren 
wir an Neucaltle und Upland vorbei und kamen gegen Abend 
glücklich nach Philadelphia, wo ich von dem Belitzer des 
Landes, Wilhelm Penn, lehr freundichaltlich aufgenommen 
wurde. Die Sozietät der Deutfchen errichtete hier eine 
Handlung, belonders mit wollenen und leinenen Tüchern 
und anderen Waren, worüber ich die Inipektion erhielt 



Paltorii Nachrichten von dem Zultande 
Pennlylvaniens in den Jahren 1683 — 1699. 

Pennlylvanien wurde im Jahre 1665 zuerlt den Engländern 
unter der Regierung Karls II. bekannt. Die damaligen Ein- 
wohner des Landes waren Wilde, lebten in Wäldern zerltreut, 
ohne bürgerliche Verfallung, und nährten lieh von der Jagd, 
Filcherei und von den Früchten, die ihr glückliches Land 
unbebaut hervorbrachte. Die erlten Anbauer des Landes 
waren Holländer, die lieh aber falt ganz allein auf den 
Handel mit den Eingeborenen legten. In dem holländilchen 
Krieg ums Jahr 1665 nahm Robert Carr es den Holländern 
ab, und unterwarf es der Herrlchaft Englands. Er ließ leinen 
Vetter, den Hauptmann Carr, als Befehlshaber zurück, aber 
bald darauf erhielten die Holländer das Land wieder und 
belaßen es bis auf den Frieden mit England, in welchem lie 
dielen ganzen Diltrikt, der von ihnen Neuniederland genannt 
worden war, neblt Olt- und Welt-Jerley und Neuyork, den 
Engländern abtreten mußten. Bald darauf ließ der Prinz 
von York eine ziemliche Anzahl leines Schiffsvolks, worunter 
lieh belonders viele Schweden befanden, an dem Fluß De- 
laware lieh anbauen. Neucaltle nannten lie den erlten Ort, 
wo lie lieh niederließen. Sie machten diele Stadt zu einer 
kleinen Feltung, um vor den Überfällen der Wilden ge- 
lichert zu lein. In den erlten Jahren breiteten lieh die 
neuen Ichwedilchen Kolonilten in dieler Gegend lehr aus. 
Belonders brachten lie Ackerbau und Viehzucht in Auf- 



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Die Memminger Paltorius-Ausgabe. 



39 



nähme. In England fiel indellen die Revolution unter Karl I. 
vor. Sein Sohn Karl II. verlor bekanntlich bald nach dem 
Tode leines Vaters die Schlacht bei Worchelter, und man 
erzählt, daß einer feiner Generale, Lord Penn, ihm leine 
Flucht nach Frankreich erleichtert haben loll*), um welcher 
Tat willen dem Lord alle leine Landgüter, SchlöIIer und 
Dörfer teils verbrannt, teils fonit verwüttet wurden. Penn 
lelblt Itarb im Exil, ehe Karl lieh wieder auf den Thron ge- 
letzt hatte. Sein einziger Sohn Wilhelm Penn, der lieh bei 
Karl lehr in Gunit geletzt hatte, erhielt von dem König 
wegen der treu geleilteten Dienite feines Vaters, die Land- 
Ichaft Pennlylvanien eigentümlich zum Gelchenke durch 
eine königliche Urkunde. Penn luchte nun neue Koloniften 
in lein Land zu ziehen und ließ deshalb in London öffentlich 
bekanntmachen, daß jeder, der Luit hätte, lieh in Amerika 
anzubauen, mit einem Stück Land gegen lehr geringe Ab- 
gaben verleben werden lollte. Es landen lieh in kurzer Zeit 
eine Menge Koloniften ein, befonders meldeten lieh einige 
hundert Deutiche, die mit Vergnügen aufgenommen wurden. 
Das Schenkungs-Dokument Karls II. an Wilhelm Penn ilt 
vom 4 . März 1681 und zu merkwürdig, um hier übergangen 
zu werden. Hier ilt daslelbe nach einer älteren Überfetzung: 



Des Königs Karl des Zweiten, 

Stuarts, Übergabs-Brief an Wilhelm Penn. 

I. Wir geben und Itehen zu verlchiedener Uriachen 
halber, an Wilhelm Penn und leine Erben, zu ewigen 
Zeiten, . den ganzen Strich des Landes zu Amerika, 
mit allen denen dazu gehörigen Inleln. Das ilt: von 
dem Anfang des 40. Grades der Norderbreite, delfen 
oltwärts liegende Grenzen laufen gänzlich längit der 
Seite des Delaware-Fiußes, 12 englilche Meilen über 
Neucaltle. 

II. Freien und ungehinderten Gebrauch und Reife in und 
aus allen Häfen, Baien, Wallern und Flüffen, Inleln 

*) Hum« in der Gcfehichte Ton Großbritannien enihlt die Gelchichte andere 
and ^denket daa Lord Penn gar nicht. 



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40 Die Memminger Paltorius-Ausgabe. 

und Eilanden, io dazu gehören. Zulamt dem Grund, 
Feldern, Wäldern, Büfchen, Bergen, Hügeln, Morälten, 
Inleln, Seen, Flüllen, Wallerbächen, See- und Meer- 
bulen und Einlaß, die darinnen liegen oder zu den 
vorbenannten Grenzen und Scheidungen gehören. 
Und lolches bloß zu dem Nutzen und Frommen des 
gedachten William Penns vor ewig zu behalten und 
zu belitzen. Und lolle von uns, als wie von unierm 
Schloß Windlor gehalten werden, um jährlichen zu 
einer freien und gemeinen Lehens-Erkenntnis allein 
zwei Biberfelle einzuliefern und zu bezahlen. 

III. Und aus untrer fernem Gnade haben wir billig ge- 
achtet, vorerwähntes Land und dellen Inleln zu einer 
Land- und Herrlchaft zu machen, maßen wir auch 
lolches hiemit dazu machen und anrichten, und nennen 
daslelbe Pennljlvania, und wollen, daß es von nun an 
hinlüro allezeit allo genennet werde. 

IV. Wegen der ablonderlichen Zuverlicht, Io wir in die 
Weisheit und Gerechtigkeit des gedachten William 
Penns letzen, überlallen wir ihm, leinen Erben und 
ihren Verordneten, zu einer delto bellern und glück- 
lichem Regierung, Geletze zu der allgemeinen Land- 
Ichaft Beitem zu machen und zu Itellen, und dielelbe 
unter leinem Siegel kund zu tun. Und lolches durch 
und mit Beiraten und Genehmhaltung der freien Leute 
oder Freilaflen, Io ferne lie den Geletzen unlers 
Königreichs nicht zuwiderlaufen. 

V. Auch völligen Gewalt zu erwähnten William Penns, 
Richter, Beamte und andere dergleichen Unterbediente 
zu fetzen, auf was für eine Art und Weile es ihm be- 
hörlich zu fein dünket. Ingleichen loll er auch Macht 
haben, Übeltaten und Verbrechen zu vergeben und 
zu ftrafen, wie es in wohl angeordneten Gerichten 
gebräuchlich ilt. 

Und wir wollen, befehlen und erfordern auch hier- 
mit, daß lolche Geletze und Verhandlungen follen vor 
ganz vollkommen agnolziert und unverbrüchlich ge- 
halten werden, und daß alle untere und unterer Erben 
und Nachkommen getreue Untertanen unverbrüchlich 



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Die Metnminger Pattorius-Ausgabe. 41 

an dietem Orte halten tollen, nur die endliche Appel- 
lation an uns ausgenommen. 

VI. Daß die Geletze zu dem eigentümlichen Belitz, lowohl 
bei Abgang der Belitzer der Ländereien, als auch der 
Anerbung der beweglichen und unbeweglichen Habe 
und Güter tollen dorten, gleichwie hier in England, 
to lange üblich lein, bis bemeldter William Penn, oder 
leine Erben, neblt den freien Leuten gedachter Land- 
Ichalt ein anders ordnen werden. 

VII. Damit nun diele neue Anbauung durch die Menge des 
Volks lieh delto glücklicher vermehren möchte, lo 
geben wir für uns und untre Erben und Nachkommen, 
allen unlern jetzigen und zukünftigen getreuen Unter- 
tanen hiemit Freiheit, lieh dorthin zu begeben. 

VIII. Freiheit, allerhand Gut und Kaufmannichaft, nach 
Bezahlung des hieligen uns gebührlichen Zolls, dorthin 
zu bringen. 

IX. Die Gewalt, diele Landichaft in kleinere Bezirke oder 
Kreile auf hundert Flecken oder kleinere Städte zu 
verteilen, Märkte und Mellen mit geziemenden Frei- 
heiten anzultellen; alles, wie es betagtem William 
Penn und leinen Erben nutz und dienlich zu lein 
dünket. 

X. Freiheit, die dort gewachlene Früchte und bereitete 
Manulakturen in England einzubringen. 

XL Macht um Porten, Schiflitänd, Bulen, Häfen, Eingänge, 
Anfuhren und andre Örter zur Handlung mit lolchen 
Rechten, Gerichten und Freiheiten anzurichten, als es 
gedachter William Penn zuträglich zu lein befindet. 

XII. Die Geletze der Schilfahrt tollen weder von den Re- 
genten, noch den Inwohnern gebrochen werden. 

XIII. Es toll kein Bündnis mit einigen Fürlten oder Ländern, 
die gegen uns und unire Erben Krieg führen, gemacht 
werden. 

XIV. Gewalt, zur Sicherheit und Verteidigung, auf folche 
Art und Wege, wie es erwähnter William Penn gut 
achtet. 

XV. Völlige Macht, um fo viel Stücke Landes anzuweifen, 
zu vergeben, zu verpachten und zu verleihen, an alle 



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42 Die Meinminger Paltorius-Ausgabe. 

iolche, die William Penn tüchtig befindet, tolche zu 
haben und zu belitzen. Es beltehe es einer gleich nur 
auf lieh und leine Leibes-Erben, oder auf Lebenszeit, 
oder auf gewille Jahre. 

XVI. Wir geben und itehen zu die Freiheit, einem jeden 
dieler Leute, welchen William Penn einiges Erbgut zu- 
geltanden hat, dalelbtt lein Gericht und Ordnung zu 
beflerer Sicherheit zu hatten. 

XVII. Macht für diele Leute, daß lie Iolche ihre Sitze und 
Rechte wiederum an andere, entweder zu einem ein- 
fachen Lehen oder mit gewillen Konditionen Uberlaflen 
mögen. 

XVIII. Wir verlprechen auch und geltehen zu, an gedachten 
William Penn, feinen Erben und Verordneten, daß wir 
keinen Zoll oder Auflage auf die Inwohner der er- 
wähnten Landfchaft, noch auf derlelben Ländereien, 
Habe und Güter, oder Kaufmannichaften ohne Be- 
willigung der Inwohner und des Regenten letzen oder 
machen wollen. 

XIX. Ein Befehl, daß keiner unlerer, oder unlerer Erben 
und Nachkommen, hoher oder niedriger Bediente lieh 
unterltehen loll, zu einiger Zeit das geringlte wider 
das hiervorgemeldete zu handeln, oder auf einigerlei- 
weile zu widerletzen, fondern daß lie jederzeit getagtem 
William Penn, leinen Erben und denen Inwohnern und 
Kaufleuten, ihren Faktoren und Bevollmächtigten, zu 
dem völligen Brauch und Nutzen diefes unlers Frei- 
heitsbriefs behilflich und beförderlich lein lollen. 

XX. Und daferne etwa künftig einigerlei Zweifel oder Frage 
wegen des rechten Verltandes oder Meinung in einem 
Wort oder Senlu, Io in dielem Freiheitsbrief enthalten, 
lieh ereignen follte. Io wollen wir, verordnen und be- 
fehlen, daß zu allen Zeiten und in allen Dingen eine 
Iolche Auslegung darüber von einem untrer Hofgerichte 
gelchehe und zugeltanden werde, als man loll urteilen, 
daß gedachtem William Penn, leinen Erben und Ver- 
ordneten am gUnItigften und vorteilhaftelten möchte 
lein können, inloferne, daß es nicht wider uns und 
unirer Erben fchuidige Treue laufe. 



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Die Memminger Paltorius-Ausgabe. 



43 



Zu deilen Zeugnis haben wir dielen offenen Brief 
ausfertigen laffen, und wir bezeugen dietes felbtt in 
Weltminfter, den 4. März f681. 

Carolus ft. 

Sobatd nun V^theim Penn diefes königtiche Gefchenk er- 
halten hatte, ließ er in London und andern Orten folgende 
Ankündigung bekanntmachen: ,Wem etwa beliebig ift, der 
Landfchaft Pennfylvanien halber mit mir lieh einzulaffen, 
mit dem kann allhier gehandelt und fernere Auskunft ge- 
geben werden von Philipp Ford, Thomas Rudyard, Benjamin 
Klark, Jan Roclofs, van der Werf ulw.“ 

Im Jahre 1681 den 2. April wurden alle Einwohner und 
Pflanzer in ganz Pennfylvanien durch ein königliches Mandat 
an den William Penn als völligen Eigentumsherrn und Re- 
genten zu Ichuldigem Gehorlam angewielen. Penn bekam 
in kurzer Zeit eine Menge Kolonilten. Die glückliche Lage 
und der fruchtbare Boden Pennfylvaniens reizten viele. Er 
verkaufte 3000 Ackerfeld Landes für etwa 100 Pfund Sterling, 
mit Beibehaltung eines ewigen Erbpachts darauf, nämlich 
jährlich etwa einen Schilling für 100 Jauchert Ackerfeld. 
Das Geld tollte gegen Befcheinigung in London erlegt und 
dem Käufer auf deren Vorzeigung das Stück Land zu- 
gemeflen werden. Leuten, welche lieh in Penns Lande 
niederlallen wollten, deren Vermögen aber kaum zur Über- 
fahrt hinreichte, und denen es folglich bei ihrer Ankunft in 
Amerika an Mitteln mangelte, Land zu kaufen, gab Penn 
gegen einen ewigen Erbzins, von einem Stüber für jeden 
Acker, ein bald größeres, bald kleineres Stück Land zum 
Anbauen, je nachdem die Lage eines jeden befchaffen war. 
Diele Erbpacht galt bei dergleichen armen Kolonilten loviel, 
als wenn fie das Land für lieh und ihre Erben ewig gekauft 
hätten. Um Kinder und Dienitboten zu Fleiß und Gehorlam 
zu ermuntern, gab er ihnen völlige Freiheit nach Verfluß 
gewiffer Dienitjahre. Jedem, der lieh bei geringem Ver- 
mögen durch Arbeitfamkeit und Dieniteifer ausgezeichnet 
hatte, überließ er 50 Morgen Acker auf ewig, wofür er weiter 
nichts forderte, als einen halben Stüber Erbpacht für den 
Morgen. Eine Gefelllchaft deuticher Kolonilten waren die 



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44 



Die Metnminger Paltorius-Ausgabe. 



erlten, die mit Penn in Unterhandlung traten und gieich an- 
fänglich 20000 Morgen Acker erkauften. Mit den wilden 
Landeseinwohnern ging Penn lehr menichenfreundlich um. 
Statt lie mit Feuer und Schwert zu vertilgen, ließ er lie viel- 
mehr im Lande und luchte lie zu kultivierten Menichen um- 
zubilden. Einigen kaufte er ihren Grund und Boden ab, 
andern Ichenkte er Kleider und Hüte, um lieh bei ihnen 
beliebt zu machen. 

Sämtliche deutiche Kolonilten hatten zu ihrem Sachwalter 
verordnet den Lizentiat Fr. Daniel Paltorius. Nachdem er 
im Jahre 1683 in London den Ankauf eines beträchtlichen 
Teils von Ländereien berichtigt hatte, reifte er nach Ame- 
rika und erteilte den 7. März 1684 folgenden Bericht an 
feine Freunde in Deutichland. Das erkaufte Land, lagt er, 
wird in dreierlei Art eingeteilt. Erltlich belitzen die Deutfehen 
15000 Morgen Acker an einem Stück fort, und an einem 
Ichiffreichen Waller geiegen. Ferner 300 Äcker zwilchen 
den beiden FlüIIen Delaware und Scollkill. Endlich drei 
Plätze in der Stadt Philadelphia, um Häuler darauf zu bauen. 
Im Anfang ihrer Niederlallung zogen die Deutfehen wenig 
Vorteil wegen des großen Geldmangels, der in der ganzen 
Provinz herrichte, und weil man nicht fogleich Landes- 
produkte nach England Ichicken konnte. Der Gouverneur 
Penn luchte vorzüglich die Weberei und den Weinwachs 
empor zu bringen und befchrieb daher eine Menge Wein- 
Itöcke aus Europa, nebtt allerhand Sorten Feld- und Garten- 
famen. Im Jahre 1684 den 16. November war zu Philadelphia 
Jahrmarkt, an welchem die Deutfehen in ihrem Kaufhaufe 
etwa 10 Taler lüften. Wilhelm Penn kam 1682 den 1. No- 
vember in Pennlylvanien an, nachdem er 6 Wochen auf der 
Reite zugebracht hatte. Er fand bei feiner Ankunft keine 
andern Europäer im Lande ais diejenigen, welche bei der 
Entdeckung diefes Diltrikts zurückgeblieben waren, und die 
teils in Neucaltle, teils in abgefonderten Plantagen wohnten. 
Sie nahmen ihren neuen Regenten mit Freude und Liebe 
auf, und er forderte von ihnen nichts als Gehorfam gegen 
ihn, Nüchternheit und nachbarliche Liebe, und verlprach 
ihnen, lie in allen Fällen zu befchützen. Er gab ihnen 
folgende weife Geletze und Vorlchriften: 



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Die Memminger Paltoriua-Ausgabe. 45 

1. Niemand loll um feines Glaubens willen beunruhigt 
werden, alle Einwohner genießen die vollkommenite Oe- 
wiliensfreiheit; jede Nation kann für ihren Oottesdienit 
Kirchen und zur Erziehung der Kinder Schulen nach Ge- 
fallen bauen lallen. 

2. Der Sonntag loll zum öffentlichen Gottesdienlt ge- 
widmet lein. Die Lehre von Gott loll in ihrer ganzen 
Reinigkeit vorgetragen, und die Zuhörer zur Erfüllung wahrer 
Chriltenpflichten angewielen werden. 

3. Um die Bildung der Jugend zu erleichtern, follen die 
im Lande zeritreut wohnenden Güterbefitzer lieh in Flecken 
und Dörfern vereinigen, damit die Nachbarn einander chrilt- 
lich behülflich fein, in Gemeinlchaft Gott loben, und ihre 
Kinder dazu gewöhnen mögen. 

4. Die Gerichtsfitzungen follen zu gewiflen Zeiten öffent- 
lich gehalten werden, damit jeder zuhören könne. 

5. ln den neu erbauten Städten und Flecken follen ge- 
wille Friedensrichter verordnet werden, welche auf die Be- 
obachtung der Geletze halten follen. 

6. Das fUndliche Fluchen, der Mißbrauch des göttlichen 
Namens, Zänkereien, Betrug, Unmäßigkeit, und andere 
Sünden, follen mit dem ffalseilen geltraft werden. 

7. Die Handwerker follen mit der ihnen vorgelchriebenen 
Taxe zufrieden fein. 

8. Jedes Kind, das 12 Jahr alt ilt, muß zu einem Hand- 
werk oder Gefchäfte angehalten werden. 

9. Die Glieder des Rats und die ganze Gemeinde ver- 
fammeln lieh jährlich an einem beltimmten Tag und wählen 
die Vorgeletzten durchs Los, damit alle unzuläffigen Ein- 
kaufungen mit Geld, wie auch heimliche Feindfchaft der 
Abgefetzten vermieden werden. Wer leine Pflicht das Jahr 
Uber nicht getreu beobachtet hat, wird abgefetzt. 

10. Ohne Einwilligung von zwei Dritteiien des Rats kann 
niemals einige Schatzung, Accis oder Auflage gemacht werden. . 

11. Um alle Streitigkeiten, Zänkereien und Prozefle lu 
verhindern, wird ein Protokoll gehalten, worinnen alle un- 
beweglichen Güter, Unterpfänder, Obligationen und Pachte 
verzeichnet lind. Advokaten und Prokuratoren, welche für 
ihre Dienfte Geld fordern, find abgefchafft. 



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46 Die Memtninger Paltorius-Ausgabe. 

12. Spiele, Komödien, Karten, Vermummungen lind ver- 
boten. 

13. Wenn einer leinen Prinzipal betrogen hat, loii er nicht 
nur zur völligen Bezahlung verbunden lein, londern auch 
noch ein Drittel darüber erlegen. Daher lollen die Depu- 
tierten des Kommerzien-Kollegii bei Ablterben eines jeden 
Faktors Sorge tragen, daß jedem Prinzipal das Seinige 
wieder ausgeliefert werde. 

Die Lage von Penniylvanien hat viele Ähnlichkeit mit 
dem untern Teil Italiens. Es fängt im 40Iten Grad Norder- 
breite an, und erltreckt lieh nach Olten 75 deutiche Meilen 
in die Länge und 45 in die Breite. Auf dem Delaware- 
Strom können Schiffe von 100 Lalten 30 Meilen weit über 
Philadelphia fahren. Er macht die Grenze von Neujerfejr 
und Penniylvanien. Bei Philadelphia ift er zwei und bei 
Caltle drei englifche Meilen breit und ein lehr fifchreicher 
Fluß. 

Das Land ernährt eine Menge von Vögeln verlchiedener 
Arten, belonders gibt es einen Überfluß an wilden Gänfen, 
Enten, Calicuten, Rebhühnern, wilden Tauben, Wafler- 
Ichnepfen und dergl. 

William Penn legte die Stadt Philadelphia zwilchen den 
FlüIIen Delaware und Scolkis*) an und bezeichnete durch 
diefen Namen die brüderliche Eintracht und Liebe, welche 
die Einwohner derlelben, feinem Wunfehe gemäß, ausüben 
foliten. Diele Stadt und überhaupt das Land Penniylvanien 
führte zu meiner Zeit eine anfehnliche Handlung**) zur See 
und zu Lande nach Neuyork, Neu-England, Virginien, Mary- 
land, Carolina, Jamaika, Barbados, Nevis, Montierst, Antego, 
St. Chriltoph, Bar Mudors, Neufoundland, Maderas, Salte- 
tudeous und England ulw., und diele belteht vornehmlich in 
Pferden, Schwein- und Rindfleilch, Brot und Mehl, allen 

*) Sohoolkill oder Schuylkil. 

**) Wie lehr lieh die hieH^e Hasdiuiig und die Produkte feit der Zeit de« 
Verfelfen vermehrt haben, kann man aus den folgenden Anmerkungen erfehen. 

ln den erften 1780ger Jahren hat die Handlung durch die im Lande au«> 
gebrochenen Unruhen und Mißvergnfigen viel gelitten, feit dem Frühjahr 1787 aber 
ift fic wieder auf« neue mit vieler T&tigkeit betrieben worden. In demfelben Jahr 
machte man auch den Anfang mit Anlegung von Kattun-Fabriken und Druckereien, 
welche fehr erwünfehten Fortgang haben, und überhaupt foÜen dafelbft alle Arten 
von Manufakturen viele Unterftützung finden. 



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Die Memminger Paltorius-Auegabe. 



47 



Arten Kom, Erbten, Bohnen, Fellen, Tabak, Wachs ulw., wo- 
gegen Rum, Zucker, Sirup, Mohren, Salz, Wein, Linnen, 
Hausgeräte ulw. eingeführt werden.*) Übrigens belteht 
Philadelphia aus ungefähr 2500 Häufern, worunter lieh fchöne 
Packhäuler, auch Mehl- und SägemUhlen befinden.**) Das 
Waller an der Stadt ilt tief genug, daß die großem Schiffe 
von 200 — 300 Tonnen bis an die Bank, ungefähr einen Stein- 
wurf von der Stadt, anfahren können. Der Anfang zu guten 
Schulen ilt Ichon gemacht, und man hat Hoffnung, eine 
deutiche lutherilche Kirche und Schule hier aufzurichten. 
Man errichtete hier eine Bank, die aber anfänglich keinen 
guten Fortgang hatte, bis fie lieh mit einer Menge franzö- 
filchen und Ipanilchen Siibergeldes verlah, und auf diefe 
Art ihren Kredit befeltigte und nun ihre Gelchäfte mit gutem 
Erfolg fortletzt. 

Im Anfang des Jahres 1786 wurde diele Bank wieder auf- 
gehoben. Der Fond beltand aus 870400 Dollars, die in 
Aktien zu 400 verteilt waren, wovon 185 den Fremden, be- 
londers den Holländern, die übrigen aber den Amerikanern 
gehörten. 

Eine andere Gelelllchaft von Kolonilten erbaute die Stadt 
Frankfurt, anderthalb Stunden weit von Philadelphia, worin 
ein beträchtlicher Handel getrieben wird. Hier wurden auch 
Mühlen, Glashütten und Steinbrennereien angelegt. Neucaltle 
liegt 40 englilche Meilen von der See an dem Delaware- 
Strom und hat einen guten Hafen. Die Stadt Upland liegt 
20 englilche Meilen von Caltle aufwärts des Flufles und ilt 
meiltens von Schweden bewohnt. 

Im Jahre 1683 den 24. Oktober machte der Verfaller dieler 
Belchreibung, Franz Daniel Paltorius, auf Erlaubnis Wilhelm 



*) Im Jahre 1786 hat man die Tabaksautfuhr zu 90000 Falter, und diefe z« 
800000 Pf. Sterling berechnet. Die Auefuhr der andern Produkte, Indigo, Pech, 
Teer, BauhoU ulw. rechnete man in dem gleichen Jahre auf 1 100000 Pf. Sterling. 
Bei alledem loU in dieler Provinz allenthalben Armut und Mangel an Kredit flehtbar 
lein, woran die groOe Menge fremder Waren und Produkte, die von auew&itigen 
Schifien eingebraebt werden, die vomehmite Urfache lein loU. (Polit. Joum. 787. 
p. 475.) Dagegen erfüllen wir durch Briefe aus Philadelphia im Jahre 1787, d^ 
das Geld dalelblt gar nicht Io rar lei, als man in Europa |^ubt. (Leipz. Zeit. 
1787. p. 449.) 

**) Hat nun auch einen guten Hafen, worin im Jahre 1783 in der Mitte des 
Aprils 250 Schiffe lagen. Darunter 21 hollftndilche, 18 franzMilche, 11 deutfehe, 
10 d&nilche und Ichwedilche, 3 rullilche und 1 afrikanilches waren. (PoL Joum. 1783.) 



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48 Die Memminger Paltorius-Ausgabe. 

Penns, den Anfang zur Erbauung einer neuen Stadt, Namens 
Oermantown, zwei Stunden von Phiiadelphia.*) Sie iiegt 
auf einem guten Ichwarzen Boden und hat reichlichen Vor- 
rat von Quellwaller neblt vielen Eichen, Nuß- und Kaltanien- 
bäumen, auch guten Viehweiden. Es wird hier lehr gutes 
Papier, Ichöne Leinwand,**) Crep und Sarle verfertiget. 
Diele Manufakturen nehmen täglich zu. 

Die Anzahl der erlten Kolonilten beftand nur aus 12 Fa- 
milien von 41 Köpfen, meiltens deutichen Handwerkern, be- 
londers Leinwebern. Die Hauptitraße dieler Stadt ilt 60 Schuh 
breit, die Nebengaflen 40 Schuh, für jedes Haus iamt Garten 
wurde 3 Morgen Land angewielen. Für die deutichen Ko- 
loniften erhielt Paltorius 15000 Morgen Land, mit der Be- 
dingung, in Jahresfrilt 30 Familien zufammen zu bringen. 
Die aber lehr bald bis auf 64 lieh vermehrten. Im Jahre 
1686 erbauten die Deutichen hier eine eigene Kirche und 
Itellten einen Pfarrer dabei an, Namens Fabricius. Penn 
Ichätzte belonders die Deutichen lehr hoch als fleißige An- 
bauer und erteilte ihnen bei allen Gelegenheiten vorzüglichen 
Schutz. 

Die Luft dieles Erdftrichs ilt hell und lieblich, der Sommer 
dauert länger und ilt wärmer als in Deutichiand. An Vieh 
ilt kein Mangel, doch läuft daslelbe bisher noch wild umher. 
Zucker und Sirup kommt aus Barbados, und wer kein Geld 
hat, taulchet Ware gegen Ware ein. Die Wilden bringen 
den Koloniften Fliehe, Vögel, Hirlchhäute, Felle von Bibern, 
Ottern, FUchlen und dergl. Sie taulchen entweder um Ge- 
tränke oder handeln gegen länglichte an Faden angereihte 
Korallen, welche aus Meermulcheln gelchliffen, teils weiß, 
teils bräunlich lind und Itatt des Geldes dienen. Dieles 
Korallengeld willen lie lehr kUnltlich ineinander zu flechten. 
Ihr König trägt eine Art Krone davon, uud andere umhängen 
den Hals damit. Die braunen Korallen lind höher im Wert 
als die weißen, denn 12 braune gelten loviel als 24 weiße, 
und diele etwa einen Frankfurter Albus. Sie nehmen dieles 
Geld viel lieber als die SilbermUnze, um allem Betrug aus- 

*) Dir« Markunl betritt 6000 Morgen, noblt noeb 12000 Morgen lur Anlegung 
neuer Dörfer. 

••) Droguet. 



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Die Memtninger Paltorius-Ausgabe. 



49 



zuweichen. Sonft bedienen lieh die Kolonilten als Silbergeld 
Ipanifcher Stücke von Achten und englilcher KopfItUcke. 
Edellteine trägt das Land nicht. Die Kolonilten mußten üch 
anfangs viele Lebensmittel aus Jeriey kommen lallen, brachten 
es aber in kurzer Zeit durch fleißigen Anbau Pennlylvaniens 
dahin, daß fie felblt auswärts Viktualien verkaufen konnten. 
ÜberflUffiges Getreide und Vieh verhandeln fie nach Barbados 
gegen Branntwein, Sirup, Zucker und Salz. Mit gutem 
Pelzwerk wird nach England Handel getrieben. 

Die Einwohner diefes Landes kann man füglich in dreifacher 
Rücklicht betrachten. 1) Die eingeborenen Wilden. 2) Die 
zuerlt aus Europa angekommenen Chriften, welche man die 
Alten nennt. 3) Die neuen Kolonilten.*) Die Wilden find 
meittens lange, ftarke, hurtige und gelenkfame Leute, am 
Leibe Ichwärzlich. Sie gingen anfangs nackend und bedeckten 
nur die untern Teile des Leibes mit einem Tuche. Die Europäer 
lehrten fie aber Hemden zu tragen. Im Winter bedienen fie 
lieh doch eines groben viereckigen Tuchs zur Bedeckung, 
oder der Bären- und Hirlchhäute. Anftatt der Schuhe nehmen 
fie ein Stück dünner Hirfchhaut, der Kopf ift aber beftändig 
bloß. Sie haben meiftens kohllchwarze Haare, befcheren 
das Haupt, fchmieren es mit Bärenfett ein und lallen an der 
rechten Seite einen langen Zopf wachfen. Auch ihre Kinder 
beltreichen He mit Fett und Hellen fie an die Sonne, damit 
fie fchwarz werden. Sie können weder fchreiben noch leien, 
auch lieben fie das Reiten gar nicht. Sie befleißigen fich 
einer aufrichtigen Redlichkeit, halten ihr Verfprechen genau, 
beleidigen nicht leicht jemand, find gaftfrei, dienftfertig und 
getreu. Ihre Hütten find aus etlichen zulammengebogenen 
oder ineinander verflochtenen jungen Bäumen gemacht, die 
[ie mit Baumrinden gefchickt zu bedecken willen. Sie ge- 
brauchen weder Tilche noch Bänke und haben keinen Hausrat, 
als etwa einen Topf, die Speifen darin zu Heden. Ihr Brot 
backen He in heißer Afche. Statt der Löffel nehmen fie 
Mufchelfchaien, und Baumblätter vertreten die Stelle ihrer 
Teller. Im Umgang find He ernfthaft und geletzt und wundern 
lieh oft über das zeremoniöfe Wefen der Europäer. Jeder 

*) Nach dem PoUt. Journal 1783 pag. 533 bctr^t dit AozaM dar Einwohner 
PeanlTlvoniena 320000, wobei aber die Schwarzen nicht mitgcrcchnct find. 

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50 Die Memminger Pattorius-Ausgabe. 

hat (ein eigenes Weib und lie lind Feinde der Hurerei. 
La(ter be(trafen lie mit Geld, befonders den Totichlag. Wer 
eine Weibsperlon erlchlägt, muß doppelte Strafe geben. Sie 
willen nichts von Götzenbildern, iondern verehren einen 
einigen, allmächtigen und gütigen Gott, der die Macht des 
Teufels belchränke. Von Gott behaupten lie, daß er in dem 
herrlichsten Mittagland wohne, wohin lie nach ihrem Tode 
auch gelangen würden. Sie glauben auch die Unfterblichkeit 
der Seele, und eine Vergeltung des Guten und Böfen nach 
dem Tode. Ihren Gottesdienft verrichten lie mit Gelängen, 
wobei lie allerhand Gebärden mit Händen und Füßen machen. 
Sie opfern der Gottheit Tiere des Feides, befonders die 
Erftlinge ihrer Jagden. Bei der Erinnerung an den Tod 
ihrer Freunde fangen lie an, jämmerlich zu heulen und zu 
weinen. Wenn lie krank werden, lo elfen lie von keinem 
Tier, das nicht ein Weiblein ilt. Sie hören (ehr gerne Er- 
zählungen von dem Schöpfer Himmels und der Erden, und 
von den Anltalten, die er zur Beglückung der Menfchen 
gemacht habe. Wenn lie in die gottesdienftlichen Verlamm- 
lungen kommen, find lie (ehr ftille und andächtig. 

Ihre Nationallprache ilt ernlthaft und nachdrücklich. Das 
Angelicht pflegen (ie mit Farben zu beftreichen. Beide Ge- 
Ichlechter rauchen gerne Tabak und nebenher vertreiben lie 
(ich die Zeit mit der Mufik, einer Art von Maultrommel 
Männer und Jünglinge verfchaffen ihrem Haufe Nahrung 
durch Jagen und Fliehen. Den Weibern ift die Erziehung 
der Kinder übergeben. Sie bauen um ihre Hütten herum 
indianifches Korn und Bohnen, doch nur loviel lie zur 
höchlten Notdurft gebrauchen. 

Diele Eingebornen haben ihre eigenen Könige, unter 
deren Herrfchaft lie ftehen, die aber feit der Ankunft der 
Koloniften immer mehr Land verlieren, das ihnen nach und 
nach abgekauft wird. Die Wohnungen dieler Könige beltehen 
aus einem einzigen Zimmer in einer Hütte mit Baumrinden 
bedeckt. Sie gehen auf die Jagd und nähren (ich mit ihrer 
Handarbeit und Handelsichaft. Sie verkaufen Häute von 
Bären, Elend, Hirfchen, Felle von Bibern, Mardern und 
Ottern, wofür (ie von den Europäern Pulver, Blei, wollene 



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Die Memminger Paltorius-Ausgabe. 



51 



Decken und Branntwein erhandeln. Diele Könige haben ihre 
Räte, die ältelten und eriahreniten Perfonen, ohne deren 
Einltimmung lie nichts vornehmen dürfen. 



Auszüge aus einigen Briefen. 

Fr. Dan. Paltorius in Philadelphia an leine Freunde 
in Deutfchland in den Jahren 1684 — 1699. 

Ich habe mir bald nach meiner Ankunft in Philadelphia 
600 Morgen Landes erkauft, und den größten Teil davon an- 
bauen latien, Io daß ich von den gepflanzten Früchten noch 
einen beträchtlichen Teil verkaufen kann. EinIt betuchte der 
König Colkanicha den Gouverneur Penn, und bezeugte 
große Neigung zur chriltlichen Religion. Er wurde unver- 
mutet, da er noch bei uns war, von einer Krankheit über- 
fallen, und als dielelbe immer gefährlicher wurde, ließ er 
feines Bruders Sohn Jahkiolol zu ihm kommen, und letzte 
ihn mit folgenden Worten zu feinem Nachfolger ein: „Mein 
lieber Vetterl An dielem Tage geb ich mein Herz in deinen 
Bulen, ich will, daß du, was gut ilt, liebelt. Geh Itets mit 
Guten um, enthalte dich der Böfen. Sprich nicht zuerlt bei 
Unterredungen, laß alle anderen vor dir reden, und merke 
wohl, was jeder fagt; halt du dann alles angehört. Io nimm, 
was recht und gut ilt, an, Io hab’ ich’s auch gemacht. Welch 
tiefe Klugheit, welch feine Menichenkenntnisl 

Im Jahre 1691 erteilte Penn den Deutichen in Germantown 
wieder viele neue Privilegien, und machte mich, Fr. Daniel 
Paltorius, zum erlten Bürgermeilter und Friedensrichter 
dieler Stadt, Io daß wir nun unire eigene Ratsverfammlungen 
und Gerichte halten, jedoch alles nach den englilchen Ge- 
letzen. 

Unterm 1. Juni 1693 Ichreibt Paltorius: Wir haben bisher 
viele Jahre lang keinen Heller weder Kriegs- noch andere 
Steuern zu entrichten gehabt, bis etwa vor fünf Wochen im 
Namen König Wilhelms III. der neue Landesregent Benjamin 
Fleticher zu Philadelphia ankam, mit königlicher Vollmacht, 
diele Landichaft Io lange zu verwalten, bis Wilhelm Penns 

4 * 



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52 



Die Memminger PaftoriuB-Ausgabe. 



Rechtsitreit in England beendiget lein würde. Es wurde 
daher zur Erletzung der Reife-Unkolten dieles Herrn der 
240fte Pfennig ein für allemal bewilliget. Er beitätigte der 
Stadt Germantown alle ihre bisherigen Privilegien aufs neue, 
machte verfchiedene nützliche Einrichtungen, und reifte 
wieder nach Neuyork ab, wofelbft er auch Landesverwefer, 
wie auch oberfter Kriegsbefehlshaber über alle englilche 
Kolonien und fnleln in Amerika ilt. 



Nachrichten von Pennlylvanien 
aus Wilhelm Fenns eigenem Bericht an leine 
Freunde in London, in einem Auszug, 

Der Boden von Pennfylvanien ilt nach den verfchiedenen 
Gegenden des Landes auch verfchieden. An einigen Orten 
ilt er mager, an andern fett, hier fandig, dort lettig. Die 
Luft ift frifch und klar, der Himmel heller als die füdlichften 
Teile Frankreichs und leiten mit Wolken überzogen. Die 
Waffer find insgemein lehr gut, weil fie auf fandigem und 
kiefigem Grund laufen. Das Land ilt voll Waffer, wovon 
auch einige mineralifch find. Die Monate Oktober und No~ 
vember find fo gelind, wie in England der September. Vom 
Dezember bis anfangs März ift die Witterung Icharf und 
froftig, die Luft neblig. Um diele Zeit gefriert der Delaware- 
Strom zu. Vom März bis junius ift die fchönfte Jahreszeit 
und gewöhnlich weht der Südweltwind. 

Die natürlichen Gewächfe des Landes find: allerlei Arten 
von Baumfrüchten und Kräutern. Man findet Zedern, Zy- 
preffen, Kaftanien, Saffafras, Eichen, Pflaumen, welfche Nüffe. 
Der Menfchen Fleiß bauet Weizen, Roggen, Gerfte, Hafer, 
Erbfen, Bohnen,*) allerlei Gartengewächfe, Melonen ufw. 
Es gibt vielerlei Arten von Fifchen, nämlich Störe, Heringe, 
Rochen, Aale, Föhren, Forellen, Lachs, Öftrel, und von 
andern Tieren folgende Arten: Elend, Büflelochfen, Hirfche, 
Biber, Wölfe, Bären, Hafen, Muscus, Ratten, wilde Katzen, 

*) Hanf, Flaclu und Mail, dar Samt trifi 40, SO bia 60 facht Fracht. 



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Die Metnminger Paltorius-Ausgabe. 53 

FUchle, Oachle, das leltlame Tier Poilum,*) welches einen 
Schwanz wie eine Meerkatze hat, kleine Füße und einen 
Beutel unter feinem Leibe, worin es leine Junge Iteckt, um 
es vor Gefahr zu fichern. Seine äußerliche Geftait ilt etwas 
größer als eine englilche Katze. — Das fliegende Eich- 
hörnchen, es hat eine Art von rauhen haarigen Flügeln, 
Haare und Farbe wie die gewöhnlichen Eichhörnchen. Wie 
lange es lieh im Flug erhalten kann, weiß man noch nicht.**) 
Kalekutten, wovon die größten 40 Pfund wiegen, Falanen, 
Rebhühner, Schwäne, Gänie, Enten, Schnepfen. Pferde, 
Ochlen, Kühe und Schafe gibt’s in Menge und das Land wird 
meittens mit Ochlen gepflügt. Arzneikräuter und Gewächle 
gedeihen im Überfluß. 

Bau-, Pflalter- und Ziegellteine gibt es jult hinlänglich. 
Auch gute Kalkiteine, die die Einwohner nicht nur ztun 
Bauen, londern auch als Dünger auf ihren Äckern ge- 
brauchen. 

Das hielige Eifenerz ift beiter, als das in England, indem 
es wenig Schlacken hat. Magnetiteine, Iling-Glas***) und den 
Salamanderftein,f) der inwendig in feinen Adern Baum- 
wolle hat und im Feuer nicht verbrennt, findet man hier 
auch. Das Kupfer Ubertrifft das englilche an Feinheit und 
Farbe bei weitem, und da das Waller eben die Farbe hat 
wie dasjenige, das zu Wallis von den Kohl-Minen herläuft. 
Io ilt zu vermuten, daß lieh hier auch Steinkohlen befinden. 

Die Kinder der Eingeborenen gehen von Jugend auf 
nackend, bloß mit einer Binde um den Nabel. Die jungen 
Knaben fangen Fliehe und Vögel, bis lie etwa 15 Jahre alt 

*) Der Opodum. (Didclphi* MutmUlu.) Nor Weibchen het einen Beutel 
am Bauche, der tfeftfinel und jelchloUen werden kann, und in deren Boden die 
Zitxcn liegen. Die Junge werden lehr klein, und gleichlam nur alt unreife Abort ut 
nur Welt geboren, vcrkiTcchen lieh aber (ogieich in dielet BchiUnit, nähren (ich da 
TOn Muttermilch und rerweilen (o lange, bit lie autgebildct find, und gleichfam von 
neuem geboren werden k&nnen. Doch bleibt der Beutel auch nach dielcr Geburt 
noch zuweilen ihr Zufluchttort. (BL) 

**) Daa, wat der Verftlfer Flfigel nennt, Ut ein (chlaima FaU, dat von den 
VordenüBcn nach den Hinterffiflen zu, auf der Seite wegliuft, und ihnen zu einem 
Schwung, nebft ihrem langhaarigen Schweif, womit fie gicichftm (tgeln, dienet. Sic 
können nichtt aufwirta, (ondem immer nur Ichief heronterw&rtt, und nicht fiber 
80 — 90 Ellen fliegen. 

***) lüng-Glat Ut eine Art von weiflem Steine, der wie Silber (cheinct und in 
kleinen Schiuereben oder BUtterchen autbricht. — Anmerk, det Herantgeb, Wird 
wohl dat bekannte Gladet marite Fraueneit fein? 

t) Wahrlchainlich eine Art ABbeft jafpit 7 



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54 Die Memminger Paltoriut-Ausgabe. 

werden, dann lernen lie das Jagen und beweilen ihre Stärke 
durch die heimgebrachten Feile von erlegten Tieren. Nun 
mögen lie heiraten. Die Mädchen bleiben bei der Mutter 
und helfen das Land beftellen, Korn läen und Latten tragen. 
Wenn lie mannbar lind, verhüllen lie ihr Angelicht. Sie 
heiraten Ichon im vierzehnten Jahre, die Mannsperionen im 
achtzehnten. 

Ihre Häuler lind Hütten von Baumrinden und nicht viel 
höher als ein Mann. Sie liegen auf Rinden, Schilf oder Gras, 
und wenn lie reifen, Io Ichlafen lie in den Wäldern und 
machen rings um lieh her Feuer. 

Wenn jemand diele Eingebornen in ihrer Hütte befucht. 
Io geben lie ihm die beite Stelle und beim Ellen das erlte 
Stück. Betuchen lie die Europäer, Io grüßen lie dielelben 
mit einem Itha, das ift: es mülfe euch wohlgehen. Sodann 
letzen lie lieh auf die Erde, fordern nichts und danken 
freundlich, wenn man ihnen etwas gibt. 

Sie können lieh lehr verltellen und ihre Rachgierde ver- 
bergen. Sonit lind lie freigebig, voll Freude und Luftigkeit. 
An hohen Felttagen warten die Könige den andern auf. Sie 
forgen wenig, weil lie wenig bedürfen. In Krankheiten tuchen 
lie alle Hilfsmittel auf. Die Toten werden mit ihren Kleidern 
begraben und die nächlten Anverwandten werfen allerhand 
Sachen ins Grab. Ein ganzes Jahr lind lie in der Trauer 
und färben ihr Angelicht ichwarz. Die Grabltätten der Toten 
lind ihnen heilig, lie häufen die eingefallenen Hügel wieder 
auf und erhalten auf diele Art ein beltändiges Andenken an 
die Verdorbenen. 

Wenn zwilchen den Europäern und Eingebornen Streitig- 
keiten vorfallen, werden dielelben durch zwölf Richter, lechs 
von ihrer Seite und lo viel von der unirigen, entichieden. 

Die erlten Chrilten, die in dieles Land kamen, waren 
Holländer. Nach dielen kamen die Schweden. Die Holländer 
haben ihren Gottesdienft zu Neucaltle, die Schweden an drei 
Orten, zu Chriltian, Tenneaim und Wicoco. Man teilt die 
ganze Provinz Pennlylvanien in lechs Grafichaften : Phila- 
delphia, Buckingham, Chelter, Neucaltie, Kent und Sullex. 



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CONTINUATIO 

D« 

^rc^nibuitd t>ereantrM 

PENSYLVANIiE 

9 n tmen (En^-®r 4 n 0 m 

AMERIGiS. 

Über botige m J^erm g>ajiorit 

Reladones. 

3n f?c^ f)alten& ; 

SDfe Situation, uni) §rucbf 6 Ärte{fDeö 

€r^bobelut. 2 )ie mtb anbete 

glujfe. JDie 5(njabl bercr bigbeto ^tba\itm (gtdbte. 
£)ie feUfame taturen <m SSdaeln UBb^ifc^eiu 

SMe Mioeralicn usb (Ebclgcffcine. Steren ein^ebobroen niU 
benS?dI(f(r6pra(5en/ 9^Hg(0Runb@ebtdu(^. Unb 
bie ttfltn €bd(Hi(&eii <DflaR^r unb SInbauec 
biefeg eanbe^. 

23efcf^rieben von 

GABRIEL THOMAS 

Ontvo^ner 

SanC(& 

TraftjtUitt noc5 bevgef&get ftnt) : 

®rt JE»n. DANIEL FALCRNERS 

fSutgerö unb ^Ugrimö in Pcnfylvanla 193, 
^caattbortaRgm u/f borgelegte gragm von 
guten greunben. 

^raneffurt unb £dp;ig t 

3» pnben »epSittbrea^ Otto/StK^^änblcni. 

^abr i/oi* 



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Die Continuatio des Gabriel Thomas. 



55 



Die neuelte Ausgabe des Paltorius’Ichen Büchleins ist 
1884 herausgekommen. Der Krefelder Verein für willenlchaft* 
liehe Vorträge hat damals einen Neudruck veranitaltet, 
wozu Friedrich Rapp eine Einleitung Ichrieb.*) 

Mit dem Exemplar der Paltorius-Ausgabe von 1704 in der 
Univerlitätsbibliothek zu Heidelberg lind noch mehrere an- 
dere Schriften Uber die amerikanifche Einwanderung im 
gleichen alten Einband vereinigt, zunächlt die Ichon erwähnte 
Schrift des pennlylvanifchen Kolonilten Gabriel Thomas, 
die zwei Jahre nach der erlten Ausgabe des Paltorius er- 
Ichien, nämlich die „Continuatio der Belchreibung der 
Landichaft Pennfyl vaniae“.**) Der Verleger der Conti- 
nuatio hat als Anhang eine weitere, höchlt wichtige Schrift Uber 
Pennlylvanien, nämlich Daniel Falckners Beantwortungen 
auf 103 ihm vorgelegte Fragen***) beigegeben. Die Seiten- 
zahlen dieter zweiten Schrift beginnen nach dem Vorwort 
Falckners mit I, Io daß der Anhang eine lelbltändige Schrift 
darltellt und wohl auch für lieh allein verausgabt wurde. 
Die Continuatio dagegen konnte man nicht ohne die Cu- 
rieule Nachricht Falckners abgeben, da ja deren Zuge- 
hörigkeit zur Continuatio auf dem Titelblatt ausdrücklich 
vermerkt ilt. Als Verleger beider Schriften nennt lieh der 
Buchhändler Andreas Otto in Frankfurt und Leipzig, das Er- 
tcheinungsjahr 1702 war ebenfalls das gleiche.f) 

In der Einleitung zum Wiederabdruck von Falckners Cu- 
rieuler Nachricht berichtet Sachte (Seite 25 und auf der fol- 
genden Textfeite), daß im Jahre 1704 eine Ausgabe von 
Paltorius’ Umltändiger Belchreibung und von Falckners 
Curieuler Nachricht in einem einzigen Bande unter dem 
Titel Continuatio ulw. veranitaltet und daran noch angehängt 
worden lei eine deutiche Überletzung von Gabriel Thomas 
Account. Diele Angaben lind unzutreffend. Die Continuatio 

*) Das Titelblatt der Krefelder Ausgabe ift bei Sachfe als FakHmile wieder- 
gegebciL Bei Abfaffung der gegenwärtigen Schrift Itand mir der Neudruck felbft nicht 
SU Gebote« 

Siehe das hier beigefögte Fakfimile des Buchtitels. 

***) Infolge eines DruckfAlers ift im Haupttitel (Vgl. das Fakfimile des Titels 
der Continuatio) die Zahl der Fragen mit 193 angejgeben„ 

t) Sachfe bringt a. a. 0. das Fakfimile des Titels der Continuatio, das voU- 
kommen fibereinftimmend ift mit dem Titel, wie er hier abgebildet ift, und zwar 
Buchftabe für Buebftabe. Nur fehlt auffallenderwcife bei Sachfe die letzte Zeile: 
«Im Jahr Chrifti 1702*. 



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56 



Die Continuatio des Gabriel Thomas. 



toll, wie tchon dieies erlte Wort des Buchtitels Ias;t, eine 
Fortletzung der Landbelchreibung des Pattorius lein, nicht 
aber dellen Schrift lelblt, auch rührt die Continuatio keines- 
wegs von Paltorius her, londern von Gabriel Thomas, und 
an die Schrift von Thomas ilt angehängt — wie die hier bei- 
gegebene Titelabbildung der Curieulen Nachricht es aus- 
weilt — Daniel Falckners Beantwortung der 103 Fragen. Ob 
überhaupt eine Ausgabe der Continuatio von 1704 belteht, 
Icheint mir fraglich. Das Exemplar der Heidelberger Biblio- 
thek nennt auf dem Titelblatt das Ausgabejahr 1702. Das 
Büchlein hat man ganz richtig fchon in alter Zeit hinter der 
Schrift des Paltorius mit eingebunden, wenn diele auch die 
zweite Ausgabe, alio die von 1704 war. 

Aus der Faklimile -Abbildung des Titels der Continuatio 
bei Sachle Seite 27 erkennt man, daß in irgendeiner Ablicht 
das Erlcheinungsjahr 1702 auf der photographilchen Platte 
entfernt worden ilt, vielleicht damit lieh die Continuatio hinter 
dem Titel der PaltoriusTchen Schrift von 1704 einichalten 
ließ; denn die Continuatio [teilt ja nach Angabe ihres Titels 
die Fortletzung der Schrift des Paltorius dar, jener Belchrei- 
bung Pennljlvaniens, die erltmals 1700 herausgekommen war. 
Eine 1702 erlchienene Fortletzung zu einem erlt 1704 ge- 
druckten Buch hätte aber zwilchen den bei Sachle S. 26 und 
27 einander gegenüber geltellten beiden Buchtitel-Faklimilen 
einen unlösbaren Widerlpruch ergeben. Im Text erwähnt 
Sachle wohl gelegentlich die erlte Ausgabe des Paltorius 
von 1700, allein wahrlcheinlich Itand ihm kein Exemplar die- 
ler Ausgabe zur Photographierung des Titels zu Gebote, 
lonit hätte er wohl kaum den Buchtitel des Paltorius von 
1704 abgebildet, londem den von 1700, und Io mit dem nach- 
folgenden Buchtitel des Thomas von 1702 die chronologilche 
Ordnung in Richtigkeit gewahrt. 

Die Continuatio ftellt nach Sachle, wie Ichon erwähnt, 
eine Überletzung von Gabriel Thomas ,HiItorical Account 
of Pennlylvania* dar, eines vollkommen lelbltändigen Büch- 
leins, das Ichon 1698 zu London erlchien. Daß diele Schrift 
eine Fortletzung (Continuatio) der PaltoriusTchen Schilderung 
lel, hat demnach der Verleger Andreas Otto willkürlich in 
den Titel eingelchmuggelt, wohl nur darum, daß er delto 



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Faickners Curieule Nachricht. 



57 



eher Käufer auch für diele Schrift finde. Mit dem Pattoriua 
von 1700 mag er ja guten Ablatz erzielt haben. Natürlich 
rechtfertigt nichts im Texte der Thomas’fchen Schrift die Be- 
hauptung im Buchtitel der deutichen Ausgabe. 



Faickners Curieule Nachricht. 

Auf die Schilderung Pennlylvaniens von Gabriel Thomas, 
die famt Vorwort 42 Druckleiten einnimmt, folgt dann als 
Zugabe die Ichon im Titel der Continuatio mit angekUndigte 
Schrift Daniel Faickners, eines der frühen pennlyivanifchen 
Kolonilten deuticher Abftammung. Dr. Julius Friedrich Sachte 
hat diele wichtige Schrift nach dem im Archiv zu Halle auf- 
bewahrten Manulkript Faickners und zugleich nach der Buch- 
ausgabe von 1702, die mit dem Manulkript nicht überall 
gleichlautend ilt, als Neudruck herausgegeben, und zwar in- 
dem er auch den ganzen Text für feine amerikanilchen 
Landsleute ins englilche überletzte und dem deutichen Text 
gegenüberltellte. 

Der Titel der FalcknePIchen Brolchüre lautet nach der 
Druckausgabe von 1702 wie folgt: 

Kurieufe Nachricht von Pennlylvania 
in Norden-Amerika, 

welche auf Begehren guter Freunde Uber vorgelegte 103 Fragen 
bei seiner Abreife aus Deutichland nach obigem Lande Anno 
1700 erteilet und nun Anno 1702 in den Druck gegeben wor- 
den von Daniel Faickner, Profeffor, Bürger und Pilgrim 
allda. Frankfurt und Leipzig, zu finden bei Andreas Otto, 
Buchhändler. Im Jahr Chrifti 1702.*) 

Faickner hat diele Schrift, feiner Vorrede zufolge, bei 
einem vorübergehenden Aufenthalt in Deutichland verfafit, 
als man ihm da den großen Fragebogen zugeltellt hatte. 
Danach kehrte er nach Pennfylvanien zurück. Die Fragen, 



*) VgL dai Fsklimil* dca TittlbUtt*« bai SaeUa. 




58 



FalcknerB Curieule Nachricht. 



die lieh auf Land und Leute in Pennlyivanien und überhaupt 
in Amerika beziehen, und die Antworten darauf, findet man 
wörtlich in dem von Sachle veranltalteten Neudruck, fowohi 
in der hier auf Seite 2 durch eine Fußnote näher bezeich- 
neten Buchausgabe, als auch in den Proceedings of the 
Pennlylvania-German Society, Band XIV, wo die Sachle’iche 
Neuausgabe zuerft abgedruckt wurde. In der alten Oktav- 
ausgabe füllen Fragen und Antworten SS Druckfeiten. 



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Dm nicht erlangte Kanaan von Höen. 



S9 



III. 

Die Pfälzer 1709 und 1710 in England. 

0 n jenem Heidelberger Sammelband, der die im Abichnitt II 
belprochenen Schriften enthält, ilt noch ein weiteres Heft- 
chen miteingebunden, das ebenfalls vom deutfchen Aua- 
wanderungsdrang handelt, wie er lieh zu Beginn des 
achtzehnten Jahrhunderts geltend machte. Ea ilt eine neun 
Jahre nach der Continuatio des Gabriel Thomas, nämlich im 
Jahre 1711 herausgekommene BrofehUre, durch welche nicht 
wie in den vorherigen Schriften zum Auswandern nach Nord- 
amerika angeregt, fondern davor gewarnt werden lolite. Die- 
fes Büchlein führt den Hauptitel: 

Das verlangte nicht erlangte Kanaan.*) 

Auf dem doppelten Raum einer Buchleite ift außer dem 
ohnehin weitfehweifigen Gefamttitel auch gleich die Inhalts- 
angabe der lieben Abichnitte des Buches abgedruckt. Diele 
lieben Teile bilden eine im Jahre 1710 von M. W. Höen ver- 
anftaltete Sammlung von Mitteilungen über die Auswanderung 
der Pfälzer und anderer Deuttcher im Jahre vorher. Im Titel 
ilt Bezug genommen auf einen «Kochenthalerilchen Bericht“, 
der als einleitig und übelbegründet bezeichnet wird. Damit 
hat es folgende Bewandtnis: Der Pfarrer Jofua Kocherthal 
(nicht Kochenthal) aus der Gegend bei Landau in der Pfalz, 
der 1704 in England gewelen war, hatte auf Grund feiner dort 
eingezogenen Erkundigungen 1706 ein Buch zum Lobe von 
Karolina in Nordamerika veröffentlicht. Als er dann felbft 
mit etwa 60 Begleitern 1708 nach London ging, um lieh von 
dort nach Karolina einzulchiffen, wurde er jedoch famt den 

*) Si«1m d«n bitr alt F»kflaiii<*£)ruck ToUltiiidi|eB Backütel. 



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60 Da* nicht erlangte Kanaan von Höen. 

mit ihm gekommenen Leuten nicht nach Karolina, tondem 
nach Neuyork Uberiührt, wonach man tie aile etwa zwölf 
Meilen Hudlon aufwärts anliedelte. im Jahre 1709 kam Kocher- 
thal lelblt zwar nach England zurück, ging aber 1718 wieder 
zu leinen pfälzilchen Koloniiten an den Hudlon, wo er 1719 
Itarb. Es Icheint, daß Kocherthals, vom Hörenlagen nieder- 
gelchriebene Verführer! fche Schilderungen von Karolina, die 
1711 von ihrem Verfatler lelblt vielleicht gar nicht mehr an- 
erkannt wurden, Höen veranlaßt haben, den Gegenfatz feiner 
eigenen Schrift zu der Kocherthals gleich im Buchtitel her- 
vorzuheben. Im Text des Höen’Ichen Buches kommt übrigens 
nichts weiter von Kocherthal vor. Der Hauptinhalt des Buches 
vom nicht erlangten Kanaan rührt nicht von Höen ielbft, 
londern von mehreren andern her, die ihm, wie namentlich 
der deutiche Prediger Böhme in London, verlchiedene aus- 
führliche Schriftlätze zu feinem Thema geliefert hatten. 

Das Titelblatt erltreckt lieh über zwei Seiten des aufge- 
fchlagenen Buches. Das nächfte Blatt hat folgende Über- 
Ichrift: 

,1. Beantwortungsfehreiben eines Freundes in England 
auf etliche Fragen, die englitch-amerikanilchen Land- 
gegenden und jüngft dahin reifende Deutiche anlangend. 
Mit einer Vorrede Moritz Wilhelm Höens.“ 

Danach folgt mit der Anrede: .Geneigter Leier* das 
Vorwort zum Beantwortungsfehreiben. Diefes Vorwort, das 
zehn Druckleiten umfaßt, ift unterfchrieben mit Moritz Wilhelm 
Höen und datiert: „Auf meiner Rückreife aus England den 
12. Auguft 1710“. Es enthält in der Hauptlache Warnungen 
an deutiche Auswanderer. Diefer Inhalt war veranlaßt durch 
folgendes merkwürdige Zeitereignis: Taufende von Auswan- 
derern waren 1709 aus der Pfalz und anderen Gebieten über 
Rotterdam nach England gelangt und faßen dort mittellos 
feit, dem größten Elend preisgegeben. Höen hat vielleicht 
eigens die Reife nach England unternommen, um dort einen 
Einblick in die Lage der armen Auswanderer zu gewinnen. 
Im Vorwort feines Sammelwerkes wendet er fich an alle jene 
Deutichen, die fich mit Auswanderungsgedanken trügen, und 
rät ihnen dringend ab, die Verderben bringende Reife zu 
wagen; befonders mülle, wer Weib und Kinder habe, daheim 



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Das nicht erlangte Kanaan von Höen. 61 

bleiben. Auswanderer ohne Vermögen, die allo die Mittel 
nicht hätten, um die Überfahrt zu zahlen, möchten lieh ein 
Beitpiel nehmen am Elend der aus England wieder heim* 
kehrenden armen Leute. Höen bezieht lieh darauf, daß die 
englilchen Behörden mitteliofe Auswanderer rUckfichtslos 
wieder nach Rotterdam zurUckfchickten. Die meiften diefer 
Leute, tagt er (doch ticher nicht ohne Übertreibung) hätten 
fich in England Io übel aufgefUhrt, daß es eine Schande 
wäre, alles zu Papier zu bringen. Ein Prediger in London 
habe ihm erzählt, die deutichen Auswanderer leien nicht nur 
in Erkenntnis der himmlilchen Dinge dümmer gewelen als 
ein Tier, londern lie hätten auch das, was englilche Mentchen- 
freunde ihnen zuwendeten, auf übermütige Weife verpraßt. 
Abgelehen von der fomit bewiefenen Undankbarkeit, habe 
dieles rohe Volk den empfangenen Wohltaten Lug und Trug 
entgegengefetzt. Io daß nunmehr die Deutichen bei den Eng- 
ländern in üblen Geruch gekommen, ja völlig zum Wunder 
und Schaulpiel geworden feien, jeder Deutfehe in England 
müffe lieh jetzt zum Hohn Palatin (Pfälzer) nennen und von 
den Kindern auf der Straße anfpucken lallen. Der große 
Auszug der Deutichen habe keinen anderen EHoIg gehabt, 
als daß man nun in England das unichöne und unchriltliche 
Verhalten der Auswanderer kennen gelernt hätte. Die Eng- 
länder lelblt wären ja wahrlich auch keine Engel, indeflen 
mülle die von der Königin (Anna) von Großbritannien den 
Auswanderern erwielene Fürlorge und große Barmherzigkeit 
höchlich gerühmt werden, zumal dieler Zuzug die Engländer 
an 800000 Gulden gekoltet habe. Dabei feien noch nicht 
die Ausgaben für die von England nach Irland geichafften 
Deutichen mit inbegriffen. Künftige Ankömmlinge hätten 
aber in Anbetracht der üblen Aufführung der Leute jenes 
Auswandererzuges keinen Schilling mehr von den Engländern 
zu erwarten, dagegen wohl Schimpf und Schande. 

Selblt Auswanderer, die genügende Mittel haben — fährt 
Höen fort — um die Überiahrt nach Amerika für lieh und ihre 
Angehörigen zu beftreiten, dürien lieh nicht blindlings auf die 
Reife machen; denn manchmal müffen lie in England 10 bis 16 
oder gar 20 Wochen auf eine Flotte warten, fo daß — wie fchon 
oft gefchehen — das daheim verkaufte Gütchen dabei aufgezehrt 



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42 Das nicht erlangte Kanaan von Höen. 

wird. Viele haben lieh dann nach Haufe zurück betteln 
mUIIen oder lind im Elend umgekommen. Jene Brüder und 
Freunde aber, die Gott in Amerika zu dienen begehren und 
meinen dies in Pennlylvanien tun zu tollen, mögen bedenken, 
daß das Reich Gottes nicht von dieler Welt ilt, fondem im 
Menfchen lelblt gefuefat werden muß. Ein jeder hat lieh auch 
vorzulehen, daß er in Amerika nicht des Lebens beraubt 
werde, wenn vielleicht nicht des äußerlichen. Io doch des 
innerlichen. Da aber ungeachtet aller Gefahren es doch 
immer noch Leute gibt, die den Vortatz haben nach Amerika 
zu ziehen, io mögen befonders diele den nachfolgenden Be- 
richt aufmerklam durchlelen. Der Bericht ilt mir, lagt Höen, 
von einem wahrheitsliebenden, in England wohnenden Freunde 
überlandt worden; ich veröffentliche ihn nun zum beiten 
aller, die aus Deutlchland auszuwandern gelinnt lein loltten. 
Obwohl in dielem Briefe alles klar und deutlich gefchildert 
ilt, meint Höen weiter, Io möchte ich doch noch vorher allen 
pennlylvanilch Gelinnten nachfolgende Punkte lieh zu über- 
legen, anempfehlen: 

1. Niemand trete ohne die heilige Vorlehung Gottes 
eine Io große Reile an. 

2. Mann und Weib mttllen dabei ein Herz und eine 
Seele lein. 

3. Die Auswanderer mülfen Kreuz, Leiden und Trüb- 
lal zu ertragen fähig lein. 

4. Die Auswanderer müllen darauf gefaßt fein, ihre 
kleinen Kinder, ja noch dazu lieh lelblt den TrUb- 
lalen aufzuopfem. 

5. jede erwachlene Perlon muß zur bloßen Reife von 
Deutlchland bis Amerika wenigltens hundert Frank- 
furter Gulden belltzen. 

6. Wer glücklich nach Amerika hinüber gekommen ilt, 
muß imitande fein, lieh und leine Familie ein ganzes 
Jahr lang aus feinem Geldbeutel zu erhalten. 

7. Jeder loll mit Mehl, Erblen, Linien, Wein und gutem 
Branntwein wohl verleben fein, damit er, wenn etwa 
in England 15 oder 20 Wochen auf eine Einfehiffungs- 
gelegenheit gewartet werden muß, etwas zu zehren 
hat. 



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Das nicht erlangte Kanaan von Höen. 6S 

8. Die Auswandemden follen mit dem nötigften Hans- 
rat verfehen lein. 

9. Keiner möge, lelblt wenn er Geld bis zu 1000 Reichs- 
taler übrig hätte, daraufhin einen Bruder, eine 
Schwelter oder einen Freund mitnehmen, es fei 
denn, daß lein Glaube durch die Liebe tätig ift 

Nach Aufzählung diefer Vorbedingungen glaubt aber Höen 
doch leine Schwarzmalerei etwas einichränken zu lollen. Er fährt 
nämlich fort, daß er keineswegs damit die amerikanilchen fnfeln, 
die ja von der vielen Güte Gottes trieften, in Verruf bringen 
wolle; es möge lieh eben jedermann nach Kenntnisnahme 
der Vorbedingungen zu feinem eigenen Belten lelblt prüfen, 
ehe er lieh auf die mühlelige Reife nach Amerika begebe. 
Andernfalls hätten es die Auswanderer zu bereuen, wenn lie 
Ipäter lamt ihren Kindern daran tragen müßten. Viel bittere 
Tränen leien ja Ichon von Auswanderern vergolten worden, 
noch ehe lie bis Rotterdam gekommen wären. Im übrigen 
möchten fich alle jene, denen es in Deutichiand Ichlecht 
ginge, damit trölten, daß Gott leinen Auserwählten auch in 
Deutichiand gewiß bald helfen werde. 



In dem Buche von Dr. Daniel Häberle Uber Auswanderang 
und Kolonie- Gründungen der Pfälzer*) ift auf Seite 39 ff. der 
große Auswandererzug der Pfälzer nach England vom Jahre 
1709 ausführlich behandelt. Im Anichluß daran lind einige 
Abfchnitte der Schrift Höens abgedruckt, nämlich die Ab- 
Ichnitte IV, V und VI. Allerdings gelchah dies im fchwer- 
fälligen Wortlaut und in der altertümlichen Rechtichreibung 
des Originals, Io daß die Texte nicht gerade flüchtig zu 
überlelen lind. Es darf alio wohl unter Hinweis auf den 
buchltäblich getreuen Abdruck im Werk Häberles das wich- 
tiglte aus dielen drei Abichnitten hier auszugsweile frei er- 

*) Dar ToUItifulifa Titel de« Buche« Untat: AnewaDdarnns and Kolonie- 
<r&ndnn|en der Pftlzer im IK Jahrhundert. Zur iwe!httnd«rtjihri|Un 
Erinnemna an die MaIIenao«wanderua{ der Pfiliar (1709) und an den pfilzUcben 
Bancmgeoeral Nikolau« Hcrchhaimar, den Helden von OriekanT (6. Autf. 1777). 
Mit einer Karte nnd aahlreicben Abbildungen im Text. Von Dr. phu. nat. Daniel 
Haberle, KailerL Rechnungerat. VoIontir-AXliltent am Gcologifch-PaliontologUbhan 
Inltitut der UniverOtU Heidelberg. KaiXereUutem, VerUg der k. b. Hofbuchdruckerei 
H. Kayfer. 1909. (Preia Mk. 6. — .) 



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64 Böhme Uber die Auswanderung nach Amerika. 

zählt werden. Dabei loilen auch die nicht unwichtigen Ab- 
Ichnitte I und VII, die bei Häberle, gleich den belanglolen 
Abichnitten II und III, nicht abgedruckt, iondem nur kurz 
erwähnt lind, enttprechend berUckfichtigt werden: 

Abichnitt I enthält den wörtlichen Abdruck eines Brie- 
fes, welchen der Londoner Prediger Anton Wilhelm Böhme 
an den Herausgeber Höen geichrieben hatte, und zwar am 
26. Mai 1710 (alten Stils), allo kurz bevor Höen lelblt leine 
Reife nach London angetreten hat. Der Abdruck des Böhme- 
lchen Briefes füllt in dem Büchlein 32 Seiten. Böhme ant- 
wortet in feinem Briefe auf 16 Fragen Höens, welche Penn- 
lylvanien und Karolina, lowie die Reife dahin betreffen, lo- 
dann noch auf eine Frage Uber die Religionsfreiheit. 

Die Religionsfrage, von Höen unter den 17 Fragen als 
erlte geltellt, beantwortet Böhme zuletzt, dafür aber am 
ausfUhrlichlten. 

Die zweite Frage lautete, ob es ratlamer lei, nach Penn- 
Ijlvanien oder nach Karolina zu gehen, die dritte Frage, 
worin der Unterlchied diefer beiden Länder beltünde. Die 
Antwort auf diele beiden Fragen faßt Paftor Böhme zu- 
lammen und lagt: SUdkarolina ilt lehr heiß, daher für den 
Weinbau geeignet, doch fehlt es dort noch an weinbaukun- 
digen Leuten, ln Nordkarolina gibt es alle Getreidelorten, 
nur Roggen wird da nicht angefät, weil man Itatt dellen den 
einheimifchen Maisbau pflegt. Es kommen dort alle Arten 
des europäifchen Viehes vor, auch Schweine, deren Fieilch 
befonders Ichmackhaft ilt, weil lie mit NüIIen und Eicheln 
gemältet werden. Auch in Pennlylvanien ilt das alles vor- 
handen, doch läßt lieh in Karolina mehr an Ausfuhrwaren 
erzielen, d. h. folchen Erträgnillen des Landes, die man teils 
nach den amerikanüchen Infein, teils nach Europa verlchicken 
kann, wie u. a. Seide, Pelzwerk, Häute, Mais, Gummi, Ter- 
pentin. In Pennlylvanien haben lieh Deutiche Ichon in ziem- 
licher Anzahl niedergelallen, weshalb dort neu ankommende 
Deutiche eher Rat und Hilfe finden können, als anderswo in 
Amerika. Pennlylvanien eignet lieh daher für deutiche Ein- 
wanderer, namentlich für die Ackerbau treibenden Nieder- 
lachlen, wogegen weinbaukundige Pfälzer fich beller in 
Karolina anliedelten. 



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Böhme über die Auswanderung nach Amerika. 65 

Auf die vierte Frage ob in Pennlylvanien, wie in Karo- 
lina, vollkommene Gewiiiena- und Religionsfreiheit gewähr- 
leiltet fei, verweilt Böhme auf das königliche Privilegium 
Penns, worin dies ausgelprochen wäre. Auch in Karolina 
genölien alle Sekten volle Freiheit und könnten den Gottes- 
dienlt nach ihrem Gutdünken einrichten. 

Fünfte Frage. Sind die Lebensmittel in Amerika teuer? 
Antwort: In Karolina koltet ein Scheffel Weizen 3 bis 37* 
Schilling, in Pennlylvanien 4 Schilling. Ein Scheffel Mais 
erhält man in Karolina für 2 Schilling. Fleilch, Geflügel und 
Wild lind in beiden Provinzen lehr billig. 

Sechlte bis achte Frage. Kann man vom Hauptland- 
belitzer der Provinz Karolina, dem Lord Granville, billig 
Grunditücke einkaufen und zu welchem Preis, wie Iteht es 
mit dem Landkauf in Pennlylvanien ulw.? Antwort: Taufend 
Acker Landes kolten in Karolina 20 Pfund Sterling oder 
100 Taler, jedoch im großen für Gelelllchaften nur 10 bis 
12 Pfund Sterling. Nebftdem ilt von jedem Acker des wirk- 
lich in Kultur genommenen Landes jährlich ein Schilling als 
Abgabe zu entrichten. Andere Eigentümer des Bodens in 
Karolina lind: Lord Craven, Herzog Beaufort, Lord Carteret. 
In Pennlylvanien kolten ichon 100 Acker 6 bis 10 Pfund Ster- 
ling, in abgelegenen Gebieten aber nur 5 bis 6 Pfund Ster- 
ling. In beiden Ländern genießen die Engländer belondere 
Vorrechte. Auch jeder Deutiche kann lieh lolche lichern, 
wenn er lieh vor der Überfahrt in England naturalilieren 
läßt. In der Nachfehrift zu feinem Briefe erklärt dann Böhme, 
was dazu erforderlich fei, nämlich: 1. jeder Ausländer, der 
als Brite naturaliiiert lein will, hat in England lelblt in einer 
proteltantiichen Gemeinde das Abendmahl zu nehmen. 2. Dar- 
über eine fchriftliche Bettätigung beizubringen, die außer 
von dem Geiitlichen auch von einigen Zeugen unterlchrieben 
lein muß. 3. Der zu Naturalilierende muß den Eid der Treue 
leilten. 

Neunte Frage. Könnten nicht für vermögenslole deut- 
Ichc Auswanderer, die bereits in England angelangt find, 
von den Eigentumsherren der amerikanilchen Provinzen die 
Überfahrtskolten vorgeltreckt werden? Antwort: Dazu be- 
Iteht nicht die geringtte Auslicht, denn wenn die Überfahrt 

5 



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66 Böhme über die Auswanderung nach Amerika. 

frei wäre, könnten die Beiitzer und Gebieter der Provinzen 
diele mit ihren eigenen Landsleuten vollauf befetzen, und 
lolche wären ihnen lieber als Deutiche. Ohnehin lind die 
Pfälzer und andere deutfche Auswanderer nicht mehr beliebt, 
weil lie lieh im vergangenen Jahre, als He gegen 14000 Köpfe 
Itark nach England gekommen waren, dort lehr fchlecht be- 
tragen haben. Damit lollen jedoch die Rechttchaffenen dar- 
unter keineswegs auch belchuldigt lein, Io wenig, wie ich 
die Engländer entichuldigen will, die mit dem armen elenden 
Volk zu rücklichtsios verfuhren. Böhme entwirft dann fol- 
gendes Bild, wie es bei den unglücklichen deutichen Aus- 
wanderern zuging: Viele, die lieh dem Gottesgericht in ihrem 
Vaterlande entziehen wollten, kamen vor ein noch Itrengeres 
Gericht Gottes, andere find im größten Elend geltorben. 
Eine Anzahl der Leute hat man auf der Flotte nach Olt- 
indien eingelchifft, viele junge Männer wurden einfach unters 
Militär gefteckt und auf den Kriegsfchauplatz gelchickt 
(Spanilcher Erbfolgekrieg). Eine Anzahl der Deutichen bettelt 
im Lande herum, viele Ichaffte man nach Irland, dreitaulend 
erhielten Beltimmung nach Newyork. Man hat zwar den 
Kapitänen, die die Überführung dahin übernahmen, auf den 
Kopf einen gewillen Betrag vergütet, aber bei der großen 
Menge mußten die Leute dermaßen eingepfercht werden, daß 
viele davon, noch ehe die englilche Kütte außer Sicht kam, 
lehr unter Gef tank und Ungeziefer gelitten haben, ganz ab- 
gelehen davon, daß die zu unterlt Liegenden weder frifche 
Luft fchöpfen konnten, noch das Tageslicht Iahen. Nament- 
lich lind unter dielen Umftänden die Kinder zahlreich dahin- 
geltorben, vollends bei ItUrmilcher See, ja von mehreren Fa- 
milien blieb niemand übrig, weder Kinder, noch die Eitern 
lelblt. In Briefen von Portsmouth, wo die Einichiffung ftatt- 
fand, ilt im April 1710 hierher nach London mitgeteilt wor- 
den, daß auf einem einzigen der Schiffe noch vor der Ab- 
fahrt achtzig der Auswanderer geltorben find. Hundert an- 
dere lägen noch krank darin und Ichienen den Geitorbenen 
nachfolgen zu wollen. Die Uriache der Sterblichkeit wäre 
teils in der engen Einpferchung, teils darin zu luchen, daß 
der Schiffsherr die Menichen nicht mit guter und gelnnder 
Nahrung verlebe. Aber eben der Tod der Auswanderer be- 



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Böhme über die Auswanderung nach Amerika. 67 

deute Gewinn für den Schiffsherm, da er dann au! der Fahrt 
weniger Leute zu verköltigen brauche. Man kann, lagt dazu 
Böhme, bei lolcben Nachrichten fchätzen, daß von den 
14000 Menichen bereits 4000 tot find, daß allo das Gericht 
Gottes fchon lehr unter ihnen aufgeräumt hat. 

Zehnte Frage. Wie hoch belaufen fich die Überfahrts- 
koften von England nach Amerika einfchließlich der Ver- 
költigung? Antwort: Erwachfene zahlen 7 Pfund Sterling, 
ein Kind die Hälfte. Gepäck ilt frei, befinden fich aber da- 
bei Handelswaren, io mUflen iie in London verzollt werden. 

Elfte Frage. Soll man nach Amerika Eifenzeug, wie 
Äxte, Waffen ufw. mitnehmen oder gibt es fchon Eifenwerke 
in Amerika, die folche anfertigen? Antwort: ln Amerika 
kann mangels gefchulter Arbeiter der Bedarf an Eifenzeug 
noch nicht gedeckt werden, doch ift alles das in England 
billig zu haben. Man braucht aifo eiferne Gerätfchaften nicht 
von Deutfchland mitzufchieppen, mit Ausnahme vielleicht 
von Pflugfcharen, weil diefe in London nicht fo leicht zu 
haben wären. 

Zwölfte Frage. Ift es zu empfehlen, entbehrliches Geld 
in Waren anzuiegen und diefe mit hinüber zu nehmen? 
Antwort. Es ift ratfam, von deutfchen Waren nur Osna- 
brücker und andere Leinwand mitzubringen. Sonftige Waren 
können nach Anweifung der Londoner Agenten Penns und 
der übrigen Eigentumsherrn vorteilhaft in England einge- 
kauft werden. 

Dreizehnte Frage. Sollen die Strumpfweber unter 
den Auswanderern ihre eifernen Webftühle mitnehmen? 
Antwort. Die Einwandernden mögen fich vorteilhafter als 
mit Strumpfweberei mit dem Anbau des Landes befchäftigen, 
denn Strümpfe find in Amerika billig zu kaufen. Wenn aber 
jemand doch eine Strumpffabrik errichten will, fo möge er 
nur feine Webftühle mitfchleppen. Die Weftindifche Kom- 
pagnie wird ihm die Aufftellung nicht verbieten. 

Vierzehnte Frage. Können fich Auswanderer während 
der Zeit, da fie in England auf die Einfchiffung warten müffen, 
mit Strumpfwirken, Zimmermannsarbeiten oder fonftiger 
Tätigkeit etwas Geld verdienen? Antwort: Mit Strumpf- 
wirken ift in England nichts zu verdienen, da ohnehin feit 

5 * 



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68 Böhme Uber die Auswanderung nach Amerika. 

die Reformierten aus Frankreich flüchteten und großenteils 
nach England kamen, fchon zu viele Strumpfwirker da find. 
Zimmerleute können vielleicht Befchäftigung finden. 

Fünfzehnte Frage. Um welche Jahreszeit findet man 
die befte Gelegenheit zur Einfchiffung vor? Antwort; Im 
Herbft oder FrUhjahr, weil die Monate Juli und Auguft als 
Fiebermonate gelten. Es ift daher gut, wenn man einige 
Zeit vor Juli oder nach Auguft drUben eintrifit 

Sechzehnte Frage. Kann jemand, der etwa in England 
bleiben wollte, dort in Gewiffensfreiheit leben? Antwort: 
ja, denn von der Jetzigen Regierung werden alle Sekten ge- 
duldet. 

Siebzehnte Frage. Ift das Leben in England teuer? 
Antwort: Es ift zunächft zwifchen London und England im 
allgemeinen zu unterfcheiden. In den Graffchaften, befonders 
in den nordweftlichen, kann man fehr billig leben, in London 
felbft dagegen find Brot und Fleifch teuer. 

Nun kommt Böhme zur zurückgeftellten erften Frage, 
ob Leute, die fich nicht entfchließen könnten, im fremden 
Lande einer Sekte beizutreten, es trotzdem wagen dürften, 
dahin auszuwandern. Diefe Frage gibt dem Paftor Anlaß 
zu langen theologifchen Auseinanderfetzungen. Die Quint- 
effenz daraus ift, daß es keinem guten Chriften anftünde, 
außer Landes zu ziehen, bloß weil es ihm daheim fchlecht 
ginge. Man möge, ftatt fich dem Strafgericht Gottes ent- 
ziehen zu wollen, unter das Gericht beugen und fich dadurch 
von Sünde und Unglauben reinigen, ln Pennfylvanien träfe 
man übrigens weit mehr Sekten an als in Deutfchland. Bis- 
her wäre alles dahin geftrömt, was in Frankreich, in der 
Schweiz und in Deutfchland durch die National -Religionen 
weggebiffen und verjagt worden fei. Papiftifcher Gewiffens- 
zwang werde zwar in Pennfylvanien nicht geduldet, aber es 
gäbe dort doch Sekten in fo großer Zahl, daß einer fchon 
gut gewappnet fein müffe, um fich nicht aus der Fefte feiner 
Überzeugung herauslocken zu laffen. 



Abfchnitt II des Höen’fchen Kanaan-Büchleins ift über- 
fchrieben : 



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Erfter Bericht über die PfMlzer in England. 69 

Ermahnunga-Schreiben 

an die zerftreuten Pfälzer und übrigen Deutfchen in Penn- 
(ylvanien, New-York, Karolina und anderen amerikanifchen 
Provinzen, in wohlmeinender Liebe erteilt von Anton Wilhelm 
Böhme, Prediger in London. 

Der Inhalt von 36 Druckleiten befteht nur aus religiöfen 
Auseinanderfetzungen. Am Schluß ift das Datum beigefügt: 
.London 12. Oktober 1710.“ 



Abichnitt III ilt überlchrieben: 

Die Bergpredigt Chrilti, 

befchrieben von dem heiligen Mathäus im V., VI. und VII. 
Kapitel. Vorher zu London in zwei Sprachen, engliXch und 
deutfch, gefetzt. Nebft einer Vorrede und beigelügten Ge- 
beten zu Nutz der armen Pfälzer. 

Diefer ebenfalls rein religiöfe Inhalt nimmt 23 Druckfeiten 
in Anfpruch. 



Abfchnitt IV (2 Druckfeiten) befteht aus dem Abdruck des 
Erlaffes der englifchen Regierung, worin in deutfcher Sprache 
Auswanderungsluftige in Deutfchland davor gewarnt werden, 
ferner ohne genügende Mittel nach England zu kommen. 
Es ift darin getagt, daß fchon alle folche, feit dem 1. Oktober 
1709 in England Angekommenen wieder nach Deutfchland 
zurückgefchickt werden follen. Am Schluß fteht das Datum: 
Gegeben zu London 31. Dezember 1709." 



Abfchnitt V hat folgende Uberfchrift: 

.Relation 

von der unglücklichen Verleitung fo vieler Armer aus 
Deutfchland in die durch einige verführerifche Emiffäre und 
ausgeftreute Abdrucke bekannt gemachte neue Landfchaft 
Pennfylvaniam Americae Septentrionalis entlaufenen Leute, 
wie folche von einem glaubwürdigen Patrioten an eine hohe 



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70 Erfter Bericht Uber die Pfälzer in England. 

regierende Standesperfon folgenden Inhaltes fchriftlich ab- 
geftattet worden.“ 

Den Inhalt diefes Kapitels (6 Druckfeiten) bildet der Be- 
richt eines Beamten, anfcheinend des höheren Würdenträgers 
eines deutfchen, katholifch regierten Kleinftaates, an feinen 
Herrn Uber das Gefchick der 1709 nach England gelangten 
Auswanderer. Das wichtigfte des Inhaltes läßt fich kurz wie 
folgt wiedergeben: 

Der Berichterftatter war in einer Erbfchaftsfache nach 
England gereift. Der Erblaffer war Admiral und Gouverneur 
in Weftindien gewefen, den nun, wie es fcheint, ein An- 
gehöriger jenes Staates (höchft wahrfcheinlich von Kur- 
pfalz) zu beerben gedachte. Bei diefer Gelegenheit hatte 
man dem Ausgefandten die Weitung erteilt, fich in Holland 
und England nach den aus dem Ländchen ausgewanderten 
ehemaligen Landeskindern zu erkundigen. Auch follte er 
danach forfchen, durch wen fie eigentlich zum Auswandem 
verleitet worden feien. Nach feiner Rückkehr erftattete der 
Beamte den Bericht, wie er 1711 von Höen unter Weglaffung 
aller Namens- und Ortsangaben veröffentlicht worden ift. 
Darin erzählt der Abgefandte, die Urfache jener Landflucht 
fei hauptfächlich folgendes gewefen: William Penn, Eigen- 
tumsherr von Pennfylvanien, ein Mann von ,Tremulanifcher 
Religion“, fchickte zwei Wiedertäufer von Pennfylvanien 
nach Rotterdam, damit fie dort die ankommenden deutfchen 
Auswanderer verpflegten und nach der fnfel (gemeint ift 
Pennfylvanien) begleiteten. Diefe Wiedertäufer fchrieben 
fogleich Briefe an ihre Verwandten in der Pfalz und machten 
darin im Namen der Königin von England große Ver- 
fprechungen von Freiheit und Landverleihungen, ja fie ließen 
fogar in Frankfurt a. M. ganze BUcher mit folchem Inhalt 
drucken und Uber weite Gebiete verbreiten. Durch folche 
Verfprechungen wurden die Untertanen verführt und begaben 
fich mit ihren Familien nach Rotterdam. Dort hatten fie auf 
die Einfchiffung zu warten, währenddem fie von jenen 
Wiedertäufern mit Käfe und Brot ernährt wurden. Wenn 
immer eine genügende Anzahl Auswanderer beifammen war, 
wurden die Leute nach London überführt, aber dort unter 
dem Vorgeben, daß auf die Überfahrtfchiffe gewartet werden 



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Elfter Bericht über die Pfälzer in England. 71 

mUffe, gleich einem Kriegsheere bis zur Zahl von ungefähr 
15000 in ein Lager getrieben. Am 22. Juni befichtigte die 
Königin (elbft diefes Lager, wobei fie die Leute verwundert 
fragte, warum fie aus ihrem eigenen guten Land in ein 
wUftes Land zu ziehen verlangten. Die Vorfteher und Geift- 
lichen unter den Auswanderern erwiderten darauf, daß fie 
es auf die Verfprechungen der Königin felbft unternommen 
hätten. Der Königin aber war davon nichts bekannt, fie 
verlangte, daß man ihr Briefe und Druckfchriften zeige, 
worin dies ausgefprochen fei. Als die Vorfteher folche vor- 
legten, wandte fich die Königin an ihre Räte und fragte, ob 
ihnen diefes bekannt gewefen fei; aber keiner wollte etwas 
davon wiffen. Daraufhin verbot die Königin, daß die Aus- 
wanderer nach Pennfjlvanien oder Karolina überführt 
würden. Diefes Verbot erregte unter den Auswanderern 
großen Schrecken und Jammer, denn fie fahen ein, daß fie 
unter betrügerifchem Vorwand zur Reife veranlaßt worden 
waren. 

Weil es nun den Leuten an Nahrungsmitteln fehlte und 
fie um Hilfe flehten, befahl die Königin, daß in Kirchen und 
Spitälern Kollekten veranftaltet und daß die gefammelten 
Gaben durch Kommiffäre an die Bedürftigen verteilt würden. 
Aber nur eine Zeitlang floffen darauf die Gaben, dann war 
wieder der alte Notftand da. 

Am 28. Juli kam die Königin wieder ins Lager, wobei die 
jungen Männer unter den Auswanderern, 1292 an Zahl, zum 
Kriegsdienft beftimmt wurden. Die übrigen befragte man, 
ob fie damit einverftanden wären, in England und Irland 
untergebracht zu werden, wobei für Gelegenheit, fich den 
Lebensunterhalt zu erwerben, geforgt werden würde. Dabei 
wurde aber ausbedungen, daß fich kein Papift mit einfchleiche, 
denn wer im Land der Königin leben wolle, muffe pro- 
teftantifcher Religion fein. Daraufhin legten aus Mangel an 
Nahrung binnen drei Tagen 642 katholifche Perfonen ihren 
Glauben ab. Anderen, die katholifch bleiben wollten, wurde 
bedeutet, daß fie unverzüglich dahin zurückkehren müßten, 
wo fie hergekommen wären. 

Diefes Verfahren gegen die mittellofen Leute — fährt der 
Abgefandte fort — fchmerzte mich fehr; ich habe aber den 



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72 



Erfter Bericht Uber die Pfälzer in England. 



Katholiken zugefprochen, daß fte ftandhaft bei ihrer Religion 
bleiben follten. Darauf meldeten fich 435 Perfonen bei mir, 
die am katholilchen Glauben fefthalten wollten. Mit einem 
fußfälligen Geluch habe ich dann untertänigft gebeten, daß 
dielen armen Katholiken dazu verholfen werde, ihr Vater- 
land wieder zu erreichen. Darauf ftellte man ihnen nicht 
bloß ein Schiff koftenloa zur Verfügung, (ondern es wurde 
auch für diele heimkehrenden Perfonen täglich ein Schilling 
an barem Geld ausgeletzt, und zwar bis zur Ankunft in 
Wefel.*) So bin ich denn mit den 435 Perfonen glücklich 
wieder in der Heimat angekommen. Von der gefamten Zahl 
der Deutfehen im Lager bei London Hnd im ganzen 5800 
Perfonen geftorben. 

Inzwifchen hat, fo fügt der Berichterftatter noch hinzu, 
die englifche Regierung an allen Häfen, auch bei den hol- 
ländifchen Zollftelien, einen königlichen Befehl bekannt- 
machen laffen, daß keine Auswanderer mehr nach England 
gebracht werden dürfen. Zum Schluß ift auf ein dem 
Bericht beigelegtes Verzeichnis der Auswanderer verwtefen. 
Diefes lautet: 



Lifte der nach der Infel P e n n f y 1 v a n i e n 
abgereiften Leute. 



Aus der Pfalz 

Aus dem Darmftädtifchen 

Aus dem Hanauifchen 

Aus dem Frankenland 

Aue dem Mainzifchen 

Aus dem Trierifchen 

Aus dem Speyrifchen, Wormfifchen und Graffchaftlichen 

(Leiningifchen) 

Aus dem Heffenland 

Aus dem Zweibrückifchen 

Aus dem Naffauifchen 

Aus dem Elfaß 

Aus dem Badifchen 

Ledige Handwerksleute aus allerhand Landfchaften . . . 



8589 

2334 

1113 

053 

63 

58 

490 

81 

125 

203 

413 

320 

871 



Summa: 15313 



*) Zu Kur-Trier S«b8ris. 



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Zweiter Bericht Uber die Pfälzer in England. 



73 



Abfcbnitt VI (18 Druckfeiten) behandelt ebenfalls das 
Auswandererlager bei London. Die Überfchrift lautet: 

.Kurze Relation 

von den Deutfchen, die gleichlam durch eine fonderbare 
Bezauberung Anno 1709 Ubers Meer nach England gefchifft, 
wie es ihnen allen dafelbft ergangen, wo fie hingekommen 
und wo fie nunmehr ihren Aufenthalt gefunden.“ 

Der Bericht ftammt offenbar von einem der ausgewanderten 
Deutfchen felbft; denn daß der Berichterftatter perfönlich 
dabei war, geht aus mehreren Stellen, wo er in der erften 
Perfon erzählt, deutlich hervor. Auch die beftimmte Gruppe, 
welcher er zugehörte, gibt er an. Seine Schilderungen 
machen den Eindruck der Wahrheit bis auf die Zahlen der 
angekommenen Auswanderer, der Geftorbenen ufw., die er 
im Vergleich mit den Zahlen der anderen Berichte auf- 
fallenderweife viel zu hoch angibt Dem Zug der Zeit 
zufolge fchildert der Berichterftatter in etwas weitfchweifiger, 
von Schwulst erfüllter Art die Vorgänge. Der tatfächliche 
Inhalt läßt fich im folgenden Auszug vereinigen: 

In den Tagen vom 24. bis 28. Juli 1708 hatte man auf der 
Black Heath (Schwarzen Heide) bei London vier Kriegsiager 
errichtet (wahrfcheinlich fUr die Truppen, die dem Herzog 
von Mariborough auf den Kricgsfchaupiatz in den Nieder- 
landen nachgefchickt wurden). Am 6. und 8. Mai 1709 trafen 
elf mit deutfchen Auswanderern voilbefetzte Schiffe in London 
ein. Nach UmfluB von acht Tagen fchaffte man die daraus 
entftiegenen 18066 Männer, Weiber und Kinder in die auf 
der Schwarzen Heide noch abgefteckten Lager upd brachte 
fie da zu je vier Perfonen in Zeiten unter. Schon vierzehn 
Tage vor diefem Haupttransport waren in fünf Schiffen 4324 
Perfonen angekommen und ins .Camperweiler Lager“ ge- 
leitet worden, wo fie auf königlichen Befehl von einem 
Grafen aufs befte verforgt wurden. 

Am Johannistage (24. Juni) kamen weitere vier Schiffe 
mit 2138 Perfonen an, unter denen zum erftenmal auch zwei 
Geiftliche waren, nämlich der lutherifche Magifter Georg 



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74 Zweiter Bericht Uber die Pfälzer in England. 

Hainer, Vikar aus der Baden - Durlachifchen Herrfchaft 
Saufenburg, und Johann Häger, reformierter Studiofus aus 
Naffau-Siegen. Diefe letzten 2138 Perfonen wurden von den 
Engländern weit höher gefchätzt als die Übrigen Deutfchen, 
weil fie keine Papilten mitgebracht hatten. Sie erhielten 
darum die beften Zelte und das angenehmfte Lager, das 
Lager am , Ritterkamm“. 

Sechs Wochen fpäter liefen wieder drei Schiffe in den 
Hafen von Greenwich ein und brachten 1328 Deutfche, die 
ins große mittlere Lager einrücken mußten, weil fie etwas 
liederlich ausfahen und auch Katholilche unter fich hatten. 
Acht Tage vor Michaelis (29. September) kamen wieder 4003 
Deutfche an, die teils fogleich nach Irland überfUhrt, teils in 
St. Katharina und im königlichen Brauhaus untergebracht 
wurden. Inzwifchen hatte man auf der Schwarzen Heide 
fchon 3060 Perfonen (Männer, Weiber und Kinder) begraben. 

Drei Tage vor Martini (11. November) hob man, weil die 
Witterung zu rauh wurde, die Lager auf. Mit dem Lager 
auf dem Ritterkamm, für deffen fnfaffen die beften Quartiere 
beftimmt waren, wurde der Anfang gemacht. Über hundert 
Wagen brachte man zur Fortfchaffung des Gepäcks herbei. 
Zunächft hatten die Leute acht Tage lang im Roten Haufe 
zu verharren, bis die Räumlichkeiten in Karl Cocks Ware* 
house an der Themfe bei der Battlebridge gefäubert waren. 

Während wir vom Lager am Ritterkamm im Roten Haufe 
weilten, langten wieder zwei Schiffe mit 945 Perfonen an, die 
fogleich ins Warehouse zur Überwinterung eingewiefen wur- 
den. Zwei andere Schiffe waren vom Sturm verfchlagen 
worden und kamen erft gegen den zweiten Advent (4. De- 
zember) an. Sie fetzten 540 Menfchen ans Land, die — weil 
fie auf der See fo viel ausgeftanden hatten — fofort in gute 
Quartiere nach Dorthforth gebracht wurden. In der Weih- 
nachtswoche kamen wieder 288 Perfonen an, von denen es 
hieß, es wären die reichften. Es waren Schweizer und einige 
Untertanen von Naffau-Siegen, die einige Pferde bei fich 
hatten. Mit dem Reichtum war es aber nichts, die paar 
Pferde wurden aufgegeffen. Die neuen Ankömmlinge wurden 
in die Straße beim Tower verlegt An Neujahr trafen 72 
Perfonen ein, die zu Lande hundert Meilen Wegs zurQck- 



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Zweiter Bericht über die Pfälzer in England. 75 

gelegt hatten, weil Ile von holländifchen Schiffern an einem 
entfernten Küftenpunkt ausgefchifft worden waren. Inzwilchen 
und nachher kamen mit Paketboten noch Gruppen von 
20 bis 30 Auswanderern dazu, bis die Gefamtzahl der An- 
gekommenen auf 32468 geftiegen war. 

Schon in den Lagern hatte man die Katholifchen von den 
Lutheranern und Reformierten gefchieden, die Katholifchen 
aber dann fo ziemlich fich lelbft überlalfen. Nach einiger 
Zeit wurde ihnen als Wille der Königin eröffnet, daß fie 
deren Gnade und Schutz ferner genießen tollten, wenn fie 
zur proteftantifchen Kirche übertreten würden, im Falle der 
Weigerung müßten fie in ihre Heimat zurückkehren. Darauf- 
hin entfchloffen fich 3584 Katholiken zur Heimkehr, worauf 
man jedem von ihnen 10 Reichsgulden Zehrgeld einhändigte 
und fie fodann auf acht Schiffen nach Rotterdam brachte. 
Die zurückbleidenden 520 Katholiken traten zur proteftantifchen 
Kirche über, davon 332 zur lutherifchen, 188 zur reformierten 
Kirche. 

Im Roten Haufe und in Mr. Carol Cocks Haus an der 
Themfe bei Battlebridge überwinterten 17000 Perfonen, über 
welche ein adeliger Hauptmann als General-lnfpektor ein- 
gefetzt war. Er hatte für die Ordnung und für Verträglich- 
keit unter den Leuten zu forgen, namentlich dafür, daß die 
Weiber nicht mehr, wie fchon oft, wegen der Kochgruben in 
Streit kämen. Ferner follte er darüber wachen, daß alle 
vierzehn Tage frifches Lagerftroh aufgefchüttet würde, daß 
man die Steinkohlen, welche die Königin in ganzen Schiffs- 
ladungen anfahren ließ, richtig verteilte u. a. m. 

Die Leute aus dem Camperweiler Lager durften erft zu- 
letzt aufbrechen. Sie kamen teils nach .Retriff“, teils nach 
der Vll. Straße, ein paar hundert davon auch nach St. 
Stephan. Einige von den Auswandererfamilien, die noch 
Uber eigene Mittel verfügten, mieteten fich Häufer in London, 
worin fie vergnüglich verweilen konnten. 

Die Beköftigung im Lager und im Quartier war derart, 
daß niemand Urfache haben konnte, darüber zu klagen. 
Zweimalhunderttaufend Pfund Sterling oder fünf Millionen 
(Koplftücke) hat die allergnädigfte Königin Anna an uns 
arme Leute gewendet. Gleich bei der Einfchiffung in 



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76 Zweiter Bericht Uber die Pfälzer in England. 

Rotterdam wurden wir auf Koften Englands mit Brot, Butter, 
Käfe, Mehl und Speck reichlich verfehen. Bei der Landung 
in England kamen königliche Kommifläre, welche uns im 
Namen der Königin und des Parlamentes zu unferer Ankunft 
beglUckwünIchten und die VerzeichniOe der Angekommenen 
entgegennahmen. Zugleich erhielt jede Perfon ein neun- 
pfUndiges Weißbrot (owie Geld im Betrage eines Reichs- 
guldens. Auch nach Unterbringung in den Lagern bekam 
jeder von Seite der Königin wöchentlich foviel an Geld, daß 
er damit auskommen konnte, überdies noch Gefchenke, die 
von FUrften, Grafen, Baronen, Kaufleuten und reichen 
BUrgem täglich gefpendet wurden. Öfters kamen mehr als 
dreißig Wagen Brot ins Lager zur unentgeltlichen Abgabe. 
Reiche Engländer verteilten anfehnliche Summen Geldes 
unter die Auswanderer. Taufende von mangelhaft Gekleideten 
erhielten neue Gewänder und Schuhe, wobei es vorkam, 
daß manche ihre guten Kleider im Kaften verbargen und 
fich in zerriffenen Kleidern zeigten, um auch an den Liebes- 
gaben teilzunehmen. Ein Quäcker fuhr acht Tage lang mit 
einem Wagen voll Tuch im Lager herum und verteilte es 
abfchnittweife. Ein anderer hatte alle Londoner Schuh- 
macher ausgekauft und fo 32000 Paar Schuhe zufammen- 
gebracht, die er in den deutfchen Lagern austeilte, wieder 
ein anderer 18000 Hemden. In folcher Weife bekundete fich 
der englifche Wohltätigkeitsfinn aufs befte. 

Allerdings hatten die Deutfchen im Lager auch mit übel- 
gefinnten Engländern zu tun, die ihnen foviel Leid anzutun 
trachteten als nur möglich war, und zwar zumeift deshalb, 
weil fich unter den Auswanderern auch Papiften befanden. 
So kamen einmal in der Nacht 1800 Engländer mit Senfen 
und Knüppeln zum Lager, um über die Katholifchen herzu- 
iallen. Dies wäre auch zweifellos gefchehen, wenn die 
Katholiken noch ihre eigene Abteilung im Lager gehabt 
hätten. So aber waren fie unter die Lutheraner und Re- 
formierten gemifcht und man konnte fie nicht herausfinden. 
Da war auch ein aus der Schweiz ftammender Geiftlicher, 
der den Deutfchen Schaden zuzufügen trachtete. Er trieb 
die Werber an, daß fie die jungen Burfchen vom Lager hin- 
weg zum englifchen Militär und auf die englifchen Kriegs- 



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Zweiter Bericht über die Pfälzer in England. 77 

fchiffe preßten, ferner nahm er den Familien die halb- 
erwachfenen Kinder weg und trieb damit ein Handelsgefchäft. 
Er gab fie zu Engländern, die ihm etwas bezahlten, in die 
Lehre. Dem Lehrherrn wurde dann das von der Königin 
ausgefetzte Lehrgeld von fünf Pfund Sterling ausbezahlt. 
Die Lehrlinge aber wurden mit Abficht fo fchiecht beköftigt 
und behandelt, daß fie meiftens nach 8 bis 14 Tagen ihrem 
Herrn entliefen. Endlich aber wurde das Gebaren des 
fonderbaren Geiftlichen aufgedeckt und ihm vom Komitee 
fein fchändliches Treiben eingeftellt. 

Nach der Überwinterung ging zum Schaden der Deutfchen 
ihre Verfchickung in andere Länder und Infein an. Zunächft 
brachte man 3688 Perfonen nach Irland, aber fie fanden es 
dort nicht zum beften. Niemand von ihnen erhielt in Irland 
Landeigentum, alle mußten als Knechte dienen. Dreißig 
Familien, zufammen 126 Köpfe ftark, durchwegs feine Leute 
und Handwerker, hatten fich nach Liverpool gewendet, er- 
hielten aber dort bei fchwerer Arbeit eine fo mangelhafte 
Verpflegung, daß fie Liverpool halbnackt und abgemagert 
wieder verließen. Sechzehn Familien begaben fich nach 
, Sonderland*,*) 120 Meilen von London, zu einem Fürften, 
der ihnen Land und Sand verfprochen hatte, aber fein Ver- 
fprechen nicht hielt Er machte die Leute zu Taglöhnern, 
und als fie nächtlicherweile zu entlaufen fuchten, wurden fie 
als Sklaven nach Jamaika gefchickt. 

Zehn Familien machten fich auf den Weg in die weft- 
lichen Countries und gelangten nach Plimouth, wo fie in 
den Alaunbergwerken fchwer arbeiteten, aber wenig Lohn 
empfingen. Einem englifchen Arbeiter zahlte man dort täg- 
lich foviel wie einen Reichsgulden, den Deutfchen ein halbes 
Kopfftück (etwa den fechften Teil). Die zehn Familien kehrten 
daher nach London zurück, um mit anderen Deutfchland 
wieder zu erreichen. Zwei Familien mit zufammen 14 Köpfen 
kamen nach ,Kembdeneher*,**) 40 Meilen von London, zu 
einem Herrn, der ihnen nichts gegeben haben foll als 
wöchentlich auf den Kopf ein halbes Pfund Brot und für alle 
zufammen ein Pfund Salz. Ein gelernter Jäger reformierter 

*) Vi«U«lcht ilt NorthumberUnd 

**) Wahrfcheinlicb North-Hamptonlbir«. 



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78 Zweiter Bericht über die Pfälzer in England. 

Religion wurde lamt Frau und lieben Kindern zu einem 
Gutsherrn aufs Land gefchickt, wo er dem Verfprechen nach 
Befchäftigung in feinem Berufe finden follte. Statt deffen 
mußte er Schweine hüten, weshalb er famt feiner Familie 
von dort entlief und fich dann nach New-York einfchiffen 
ließ. Ein Trupp von 844 Perfonen wurde in Portsmuth von 
Schweizern in einem Schiff untergebracht, das fie nach Nord- 
Karolina überführen follte. Aber es ift bei größtem Hunger- 
leiden bereits ein halbes Jahr vergangen und die Schweizer 
find bis jetzt nicht zurückgekehrt um in See zu ftechen.*) 

Weitere 1600 Perfonen wurden in zwei Schiffe eingepfercht 
und follten nach den Scilly-lnfeln gefchickt werden. Die 
dortigen Einwohner wandten fich aber ans Parlament, ftellten 
diefem vor, daß fie fich felbft kaum durchbrächten, daß fich 
aber die Deutfchen auf den Infein keinenfalls ernähren 
könnten, weil fie nichts vom Fifchfang verftünden. Nach 
Umfluß von fechs Wochen, währenddem die Schiffe ftill lagen, 
wurden die Leute wieder ausgefchifft. Sie kehrten darauf 
famt ihrem lutherifchen Seelforger nach Deutfchland zurück. 

In englifche Kriegsdienfte gingen 322 junge Leute, von 
englifchen Familien wurden angenommen durch Kauf von 
den Eltern 141 Kinder. Als Knechte und Mägde verforgten 
fich 56 jüngere Perfonen, auch fonft noch mögen etliche 
Familien irgendwie untergekommen fein, ohne daß dies an- 
gemeldet und in der Lifte vermerkt wurde. 

Von der Gefamtzahl der Ausgewanderten find nach 
Deutfchland zurückgelangt: 

1. Abreife am Michaelistage (29. Sept.) 1709 .... 3548 

2. Die Leute, die nach den Scilly-lnfeln gebracht 



werden follten 1600 

3. Nach Irland beftimmt, aber gezwungen nach 

Deutfchland zu gehen 746 



4. Aus Irland nach Deutfchland zurUckgekehrt . . . 800 



*) Di« Aofreile crfoltfte aber doch noch, ntmlich im Oktober 1710. Di« 
Schweizer GreHenried und Michell hatten im Auftrag ihre« Heimatkanton« Bern ein 
^oße« Stück Land in Nord-KaroUna erworben, in welchem Gebiet die Pfilzer und 
Schweizer im Dezember glücklich anlaogten und dann dort die NiederlaUung Nen- 
Bem begründeten, nimlich an dem Delta am EiniloB dea Trent in den Neu««. 
(Nähere« bei Häberle S. 106.) Die Angabe, daß die Schw«izer..Scbi&e noch nicht 
von Portamouth abgefahren (eien, geltattet den Schluß, daß der Bericht über die 
deutfchen Auawanwer nicht fpiter al« Oktober 1710 verfaßt ilt. 



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Zweiter Bericht Uber die Pfälzer in England. 79 

5. Aus den Alaunbergwerken bei Plimouth, aus 
Sonderland, Liverpool und anderen Orten nach 
London zurUckgekommen, zufammen 300 

Summa: 6994 

Nach Irland, Nord-Karolina, New-York und andere 
Orte find gebracht worden 8213 



Zufammen: 15207 

Zieht man die 15207 Perfonen von der ganzen nach Eng- 
land gelangten Zahl der Auswanderer, nämlich von 32468 
ab, fo ergibt es fich, daß in London und fonft in England 
17261 Perfonen verftorben find. Dazu kommen noch jene 
200, die auf der Überfahrt von Holland nach England mit 
einem Schiff untergegangen find. 

Über die Begräbniffe der in England geftorbenen Deutfchen 
ift zu berichten: 

Solange die Auswanderer in den Lagern weilten, ging et 
ziemlich ehrbar zu; denn obwohl viele Eltern ihre Kinder 
gleichgültig verderben und fterben ließen, auch nicht einmal 
an deren Begräbnis teilnahmen, fo gab es doch noch recht- 
liche Leute, die für ordentliche Beerdigungen Sorge trugen. 
Überdies beteiligten fich an den Maffenbegräbniffen auch 
die Engländer hundertweife zu Fuß, zu Roß und zu Wagen, 
wobei oft ein folcher Lärm entftand, daß man den Prediger 
und den Schuldiener kaum verftehen konnte. Als aber die 
Leute ins Winterquartier eingerückt waren und hundert 
Perfonen und mehr in einer einzigen Kammer häufen mußten, 
da konnte man erft erkennen, daß auch niedrig denkende 
Menfchen aus Deutfchland mitgekommen waren. Solche 
ließen die Ihrigen dahinfterben ohne Pflege und Beiftand, 
begruben fie auch nicht, wie es vorher im Lager gefchehen 
war, fondern überließen die Leichen der formlofen Ein- 
fcharrung. Gewöhnlich wurde gegen 2 Uhr nachmittags ein 
Zeichen mit der Schaffchelle oder der Ochfenglocke gegeben, 
daß nun die Geftorbenen begraben werden follten. Darauf 
(chleppten je zwei Männer zuerft die Leichen der Erwachfenen, 
aufgehängt an einen Tragprügel, aus dem Quartier hinweg, 
dann kamen die Leichen der Kinder daran. Diefe wurden 
von Weibern auf dem Kopf getragen. Alle Leichen fchaffte 



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80 Zweiter Bericht über die Pfälzer in England. 

man auf den Friedhof von Dorthforth. Auf dem Weg dahin 
gingen etwa ein halbe« Dutzend alte Weiber hinterdrein. 
Im Kirchhof wurden die Leichen fchichtweUe in Gruben ver- 
fenkt. Manchmal, wenn die Leichen draußen anlangten und 
noch keine Grube gegraben war, legte man lie einftweilen 
unbegraben hinter der Kirchhofsmauer nieder. Die Särge, 
die allenfalls die Leichen umhüllten, waren aus alten MUt- 
beetbrettem und dergleichen notdürftig zufammengeflickt 

Dies über die Zultände im Quartier des Roten Hanfes. 
In anderen Quartieren, und namentlich bei den Leuten, die 
fich zum lutherifchen Prediger hielten, ging es weit belfer 
zu. Die Beerdigungen erfolgten da nach chriftlichem Brauch 
unter Abhaltung einer Leichenrede und Abfingen von Liedern. 
Die kirchlichen Beifetzungen wurden gewöhnlich durch den 
Geiftlichen M. Georg Hainer und den Scbulmeifter Georg 
Tietz vorgenommen. 

Mit Recht fagten die Engländer von den Palatins (wie 
die Deutfchen nun in England allgemein genannt wurden), 
daß es diefe nicht fühlten, wenn man fie fchlUge. Denn ob* 
wohl der Würgengel des Todes beftändig bei den Pfälzem 
umging, fo fehlte es bei ihnen doch keineswegs am Freien und 
Hochzeithalten. M. Georg Hainer hat allein 248 Paare getraut 
Wieviele Paare Herr Johann Tribbeko und Herr Ruperti 
vereinigt haben, bevor M. Hainer angekommen war, ift nicht 
genau bekannt. Die Taufe gab M. Hainer 308 Kindern, 
darunter 13 auf der Überfahrt geborenen. 

Eine fehr bemerkenswerte Trauung hat der Geiftliche 
Häger nach feiner Ordination vorgenommen. Wer wie ich 
dabei zugefehen hat, mußte fich den Bauch in Stücke lachen. 
Herr Häger trat vor ein altes Pechfaß und murmelte einige 
Worte heraus. Darauf kam das erfte Hochzeitspaar heran 
oder vielmehr hinkte heran; denn der Bräutigam war lahm 
am linken Bein, die Braut am rechten. Überdies fahen beide 
rußig aus wie Vulkans leibhaftige Kinder. Sodann nahte 
noch ein anderes Paar, bei dem die Braut 60 Jahre alt war 
und trotz ihrer vielen Runzeln ein fehr verliebtes Benehmen 
zeigte, ihr Bräutigam, der nicht mehr als 18 oder 19 Jahre 
zählte, hielt fich am Gürtel der Braut an wie ein Kind, das 
laufen lernen will. Ein drittes Paar trat herzu: der Bräutigam 



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Büßpredigt für die Pfälzer. 



81 



war da vor Krankheit fo fchwach, daß er kaum auf den 
Füßen ftehen konnte, die Braut aber fchielte. Als die Leute 
vor dem Falle ftanden, [prach der Geiftliche abermals einige 
Worte und die drei Paare waren getraut. 

In ähnlicher Weife wurde alles verheiratet, was nur gehen 
und ftehen konnte, doch ward der damit verfolgte Zweck 
keineswegs erreicht. Denn das, was die Königin zugunften 
der in England Verheirateten befchloffen hatte, wurde vom 
Parlament nicht beftätigt. Die deutfchen Geiftlichen erhielten 
deshalb Weifung, den bei Predigten und in Betftunden fich 
Verfammeinden mitzuteilen, daß allen, die mit ihrer Familie 
wieder in ihr Vaterland zurückkehren wollten, ein Pfund 
Sterling für jeden Kopf als Reifegeid gegeben werden folle. 
Daraufhin taten fich 900 Perfonen zufammen und kehrten 
nach Deutfchland zurück. Die übrigen baten darum, in 
England bleiben zu dürfen, weil dies ein Land fei, wo alles 
im Überfluß vorhanden und die Erde fo fruchtbar wäre, daß 
England in vielen Dingen mit dem Gelobten Lande ver* 
glichen werden könnte. Allein trotz aller Lobfprüche auf 
England mußten fich auch diefe Deutfchen dem Willen der 
englifchen Behörden unterwerfen und entgegen den eigenen 
Wünfehen nach Deutfchland zurückkehren. Die meiften da- 
von ließen fich bei Danzig nieder. Ob fie da gut fortkommen 
werden, mag die Zukunft lehren. 



Den VII. und letzten Abfchnitt des Büchleins bildet die 
Wiedergabe einer zehn Druckfeiten füllenden Büßpredigt 
Diefe Predigt hatte Johann Tribbeko, Hofprediger des Prinzen 
Georg von Dänemark, vor den deutfchen Auswanderern ge- 
halten, und zwar am 20. Juni 1710 in der St Katharinen- 
kirche zu London. Tribbeko predigte über den Text 5. Buch 
Mofis VIII, 1 — 3 in Anfpielung darauf, daß die deutfchen 
Auswanderer ausgezogen waren, ein befferes Land zu fuchen. 
,Nun, ihr geliebten Pfälzer!“ hub er an, ,ich habe diefen 
Text gewählt, um euch eine gute Ermahnung auf die Reife 
mitzugeben.* Tribbeko betonte dann, daß die Pfälzer nicht 
wie das Volk Ifrael auf Gottes Geheiß ihr Land verlaffen 



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Büßpredigt für die Pfälzer. 



hätten, fondern auf menfchliche Überredung und auf falfche 
Vorfpiegelungen hin, fodann auch in der Hoffnung, große 
BelitztUmer zu erlangen oder aber [eien fie aus der Heimat 
gegangen teils aus Not, teils aus Vorwitz und Abenteuer- 
lult. Die Hoffnung, ein zweites Gelobtes Land zu erreichen, 
;nöchten (ie aber jetzt, wo fie [ich für die RUckreife nach 
Deutfchiand zu rUften hätten, wohl aufgegeben haben. Zwar 
wollte er damit jenen, die nach Weftindien (New-York) gingen, 
nichts Übles wUnfchen, vielmehr alles gute und auch für fie 
beten. Der Geiftiiche erinnerte ferner daran, daß Gott 
(trafend eingegriffen hätte, fo daß es bei den Auswanderern 
jetzt viele Witwer und Witwen gäbe, und daß auch — ob- 
(chon die Kinder maffenhaft dahingeftorben wären — noch 
viele Waifen zu verforgen (eien. Zum Glück hätten die 
Ausgewanderten in England eine mildtätige Königin an- 
getroffen, die [ich der Ärmften annahm. Auch von der eng- 
lifchen Nation fei den Fremdlingen viel Gutes erwiefen 
worden. 

Alles übrige in Tribbekos Predigt ift rein religiöfen In- 
haltes. Mit dem Amen des Predigers endet auf Seite 127 
das Büchlein M. W. Höens vom verlangten, nicht erlangten 
Kanaan. 




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+ + 

; Druck von ; 

I W. W. (Ed.) KLAMBT j 

: O. m. b. H. 3 

: SPEYER am Rhein. | 

: : 



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